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Full text of "Walther von der Vogelweide"

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FROM-THE-LIBRARY-OF 
-KONRAD- BURDACH- 




Walther von der Yogelweide. 



Von 

Edward Samhaber. 



Neue Ausgabe. 




Dnick und Verlag voi^-f^.v. |tll«iQfnayr & Fed. Bamberg. 



QURDACH 



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Herrn 



Dt;, üicfot^ V. ScbeFl^el 



zugeeignet. 



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FRESERVATiOH 
COPYADOED ^ 



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Vorliegende Arbeit bringt eine Auswahl aus den 
Liedern und Sprüchen Walthers von der Vogelweide und 
verflicht sie in ein Lebensbild des Dichters, indem sie 
zugleicli einzelne Capitel mit Originaldichtungen be- 
ginnt oder endet, die als ein Ausfluss wärmster Be- 
geisterung für den mittelalterlichen Lyriker entstanden 
sind und subjectiven Stimmungen, welche den Autor 
während der Arbeit beseelt haben, Ausdruck geben. 

Was das Leben Walthers betrifft, so hat der Ver- 
fasser die bedeutendsten Momente desselben als Grund- 
lage für eine Reihe von Gemälden verwerthet, die, in 
poetischer Weise ausgeschmückt, nicht sowohl ihrer 
selbst willen, als vielmehr dazu da sind, um als er- 
läuternder Text die eingestreuten Dichtungen gleichsam 
arabeskenartig zu umschlingen. Mit Rücksicht darauf, 
dass Walthers Leben von der Wiege bis zum Grabe 
in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist und erst aus 
den ^Dichtungen auf dem Wege hypothetischer For- 
schung erschlossen worden ist, glaubte ich diese Art 
und Weise der Conception, wenn auch nicht vor dem 
engeren Kreise der Fachgelehrten, so doch vor dem 
grossen deutschen Volke rechtfertigen zu können, an 
welches sich das Büchlein nicht ohne Bangen wendet. 



iv!244360 



Die eingestreuten Lieder und Sprüche Walthers 
sind in der Weise nachgedichtet worden, dass ich die 
in ihnen verkörperte Gedankenwelt in ein poetisches 
Kleid gebracht habe, welches heutiger Sprach- und 
Denkweise entspricht. Freilich läuft man bei diesem 
Wege poetischer Uebertragung Gefahr, zu viel Moder- 
nes in die alte Dichtung hineinzubringen, und dennoch 
scheint mir derselbe selbst in dem Falle, dass man 
kein getreues Abbild des Alten bringe, der einzig 
berechtigte, um unser Volk für die ihm fremde und 
unverständlich gewordene Welt altdeutscher Dichtung 
zu erwärmen; denn die Originaldichtungen Walthers 
wort- und versgetreu zu übersetzen, ohne undeutsch 
zu werden, dürften selbst die congenialsten Uebertra- 
gungen der Zukunft kaum jemals im Stande sein. Man 
versuche nur das unnachahmliche Gedicht Walthers 
»Unter der Linde« im Neuhochdeutschen wiederzugeben, 
und man wird sehen, dass die beste Uebersetzung, auch 
die Simrocks nicht ausgenommen, nur als eine matte 
Wiedergabe des Originales erscheint. 

So war ich denn gezwungen, von Walthers poe- 
tischem Apparate oft ganz abzusehen und manchen 
Tropus durch einen neuen zu ersetzen, der, ich gestehe 
es offen, nur schwach und schwankend wiedergibt, was 
jener in lebendig anschaulicher Weise zu sagen versteht. 
Dies gilt nicht nur von ungewöhnlichen Ausdrücken, 
wie: >ich swinge im aiso swimien wtderswanc^ ; T^äeswär 
ich gewinne auch tihte knollenn. ; *sU si die schalkheit 
wellen, ich gemache in vollen kragent. ; •* geben e 'dem 
lohe der kalc wurd cibe getragen«.; »swä man da*f^ spürt, 
e^ kert sin hant und wirt ein swalwenzageU u. s. f., 
selbst einfachere Ausdrucksweisen bieten unendliche 
Schwierigkeit, da viele Worte theils ausgestorben, theils 
in veränderter Bedeutung erhalten sind. 



Was die metrische Form betrifft, so suchte ich 
sowohl in den Liedern als den Sprüchen womöglich 
die Anzahl der Verszeilen einer Strophe und die Reim- 
stellung beizubehalten, erlaubte mir jedoch in Bezug 
auf das Silbenmass Abweichungen, die z. B. bei dem 
in den Sprüchen fast durchwegs angewandten, uns 
Deutsche so anheimelnden jambischen Quinar eine um 
so grössere Schwierigkeit boten, da ich mich genöthigt 
sah, den ohnedies in knapper Form gegebenen Gedan- 
kengehalt Walthers in eine noch knappere Form zu 
zwingen. 

So möge denn mein »Walther von der Vogelweide« 
eine freundliche Aufnahme bei meinem Volke finden 
und ihm, wenn auch nur einen kleinen Bruchtheil 
jener Freude bereiten, welche mir die Arbeit so vieler 
einsamer Stunden in Heimat und Fremde gebracht hat. 



Der Verfasser. 






Ausfahrt. 

Es war ein herrlicher, thaubesprengter Maimorgen 
des Jahres 1 1 80, als die Brennerstra^fesp aufwärts dem 
Innthale zu ein schmucker Jüngling ritt. Ein scharfer 
Frühwind zog durch die blonden Locken und schlug 
sie um ein frisches, mädchenhaftes Antlitz, aus dem 
ein Paar blauer Augen so recht offen in die Welt 
hinausblickte, die in zauberhafter Fremde vor ihm 
lag. Auf der Höhe der Strasse hielt das Rosslein an. 
Seit frühen Tagen stand hier eine Buche und, warf 
kühlen Schatten ins weiche Gras, Du kluges Röss- 
lein, rief der Jüngling aus, als ob du fühltest, dass 
man vom Freunde nicht so scheiden dürfe! Er neigt 
den Ast? Hab Dank, Geselle! Ja so! Ein grünes 
Laub auf das Barett! Und nun lebt wohl ihr Lerchen, 
Drosseln, Amseln, Finken, und wie ihr alle heissen 
mögt, die ihr in grüner Hecke singt und. springt ! Ahi, 
wie euer Lied ins Herz mir drang! 

Es lockt und ruft. Mir wird, ich kann's nicht sagen, 
Doch drängt es mich, zu wetten und zu wagen. 
Erst w^ar's ein Zwitschern nur, ein heimlich Lallen, 
Ihr sangt mir vor, ich nach, bald laut, dann leise, 
Und so da draussen in den grünen Hallen, 
Ich weiss nicht wie, erlernt' ich manche Weise. 



Noch einen Blick auf die waldeinsame Vogelweide, 
und fort gieng es in raschem Trab. Doch als das 
Rauschen des Eisack verstummt war und neue Berge 
an ihn traten, ein fremder Himmel ihn grüsste, da 
war auch die letzte Thräne ins Gras gefallen, es war 
ja ein so schönes Stück Erde, das ihn empfieng, und 
der Inn sprang so lustig zwischen den Felsen, und 
vorwärts gieng es der mächtigen Donau zu, und mit 
ihr immer weiter und weiter nach dem schon damals 
üppigen, lebenslustigen Wien. 

Ja, wer in den Tagen, als das Scepter der Baben- 
berger unseres Landes waltete, die Donau entlang zog, 
dem fiel es wie Sonne in die Augen, und die Lippe 
wurde nicht satt, all' die Burgen zu rühmen, die von 
schwindelnder Höhe herniedersahen und nur an den 
Klöstern, deren wachsende Zahl Berg- und Thalflur 
beherrschte, würdige Meister fanden. Und wie Burg 
und Münster, wuchsen auch Dorf und Stadt. Wir 
hören von regem Warenaustausch mit Ungarn, Italien, 
Frankreich und Deutschland. Dem, der einen Gang 
durch Enns und Wien nicht scheute, lachten schneeige 
Leinwand entgegen und schimmernde Seide, blitzende 
Waffe und kostbares Pelzwerk; ja, wer kennt alle die 
Erzeugnisse wechselnder Art, mit denen Gut und Geld 
ins Land kam und mit Geld und Gut eine so sicht- 
bare Freude am Leben, dass schon damals der blaue 
Stromgott hätte singen können: 



»Mich umwohnt mit glänzendem Aug' das Volk der 

Phäaken, 

Immer ist's Sonntag, es dreht immer am Herd sich 

der Spiess«. 



Nimmt es uns wunder, wenn unter so fröhlichen 
Gesichtern auch die Muse ihren Sitz aufschlug, r 
Rechten Frau Musika, zur Linken Architektur und 
Malerei? Und Wien war der Brennpunkt jener geistig 
geselligen Bewegung, welche in der Burg des tugend- 
haften Leopold herrschte. Wir freilich schütteln heut 
zutage die Köpfe, wenn wir hören: In der herzoglich 
österreichischen Residenz gieng es Thür auf und zu, 
und zu und auf, und ein Sänger gab dem andern die 
Klinke in die Hand. Da streicht man die Fiedel, der 
Herzog lauscht, die Gäste lachen, die Becher klirren 
doch horch: 

Winter durchstümiet das Land überall^ 
Wiese und Waid, die sind beide nun fahl, 
Und es verstummte der Vögelein Schall. 
Möchtet ihr Mädchen doch werfen den Ball, 
Käme der singende Frühling ins Tliall 

Könnt' ich verschlafen im Winter die Zeit! 
Doch muss ich wachen, wie thut es mir leid, 
Dass seine Macht ist so weit und so breit l 
Weiss Gott! Der Frühling besiegt ihn im Streit! 
Dann lese ich Blumeft, wo jetzo es schneit, 

»Verhüte Gott«, rief Herzog Leopold, »den Winter 
zu verschlafen ! Ein eigner Kauz ! Bring uns den Sänger, 
Reinmar I Wo des Weins für mich und dich und hundert 
andre fliesst, darf keine Kehle dürsten.« Der Ernst der 
Stunde war gekommen. Doch stolz und stramm wie 
die Fichte des Heimatwaldes trat Walther in den Saal. 
Keck und kühn übersah er die Zecher. »Zum Kukuk ! 
Bin ich der Herzog? Bist du's? Bist du's? Er kommt 
herein, singt mir nichts, dir nichts, wie der Fink vom 
Zweig! Wer bist du, he? Woher? wohin?« 



<o 4 ^.> 

Ich bin ein Sohn der Berge! Walther ist 

Mein Name: Walther von der Vogelweid'. 

Klein ist die Burg der Väter in Tirol, 

Die Mutter todt, der Vater alt und krank, 

Des Hauses Nestling ich, und nichts ist mein, 

Denn dieser Arm und dieser rothe Mund 

Und manch ein Liedchen, das vom Herzen kommt. 

So zog ich aus, und eine Stimme rief: 

Nach Oesterreich! An Gütern reich und reich 

An guten Menschen. Und du selbst, o Herr, 

Den Tugendhaften nennt dich jeder Mund, 

Und deine Hand streut Blüthen wie der Mai 

Auch singst du gern und öftnest deine Burg: 

So kam ich her und sage: Ich bin da! 

»Und er ist da! Junge, du gefällst mir. Und nun 
gib dem da die Hand zum Gruss! Ist unsre Nach- 
tigall, die von der Hagenau, und wo die schlägt, 
blühn Gras und Blumen auf. Und wird es Lenz, dann 
magst du Minne singen! Nu, nu, man wird nicht 
merken und nicht murren! Ei, mir gefällt der Junge. 
Grüss Gott, Herr Walther von der Vogelweid ' ! « 



Die erste Liebe. 

Ich muss den Leser ersuchen, von der Gegenwart 
Abschied zu nehmen und in längst verschollenes Einst 
sich zu versenken. Soeben ist Herzog Leopold von 
Mainz zurückgekehrt. Horchen wir mit dem Dichter- 
jüngling den begeisterten Worten desselben, die noch 
voll des Eindruckes von jenem prachtvollen National- 
feste sind, das einzig in seiner Art in der alten Rhein- 
stadt zu Pfingsten 1184 gefeiert wurde. Da sass auf 
erhabenem Thronstuhl Kaiser Rothbart, in dessen 
»hehrem Bilde sich alles zusammenfasste , die Blüthe 
des Ritterthums, die Macht des Reiches, die Grösse 
der Nation, die Glorie des Kaiserthums«. Mit gerechtem 
Stolze übersah er die endlose Schaar deutscher Fürsten 
und Bischöfe, sowie der fremden Gesandten, die von 
Nord , Ost , Süd und West herbeigeströmt waren , um 
dem Herrn der Christenheit zu huldigen. Und wenn er, 
der schöne und kraftvolle Mann, mit reizender Gattin 
und fünf blühenden Söhnen die Stadt von Zelten durch- 
wanderte, die am linken Rheinufer erstanden war, 
oder, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, noch selbst 
in die Schranken ritt, wie jauchzte es da von Tau- 
senden und aber Tausenden des zahllosen Volkes, in 
dem sich Herren und Bürger, Ritter und Bauern, 



Sänger und Gaukler stiessen und drängten! Was 
dichtende Phantasie von Alexander dem Grossen ge- 
fabelt, mit welch feenhaftem Glänze sie den Hof des 
Königs Artus umwoben hatte, hier riss der Schleier 
der Dichtung, und mit eigenen Augen sah das stau- 
nende Volk, was zu schauen es sich niemals ge- 
träumt hatte. * 

Aber auch die folgende Zeit Hess es nicht an 
Thaten fehlen, die besonders geeignet WftreR\ eiti dich- 
terisches Gemüth anzuregen und die schlumnjernde 
Phantasie zu erwecken. Boten kommen nach VVifen. 
Von Ohr zu Ohr wird, es getragen, dass der Kaiser 
am Abend seines Lebens das Kreuz auf die Schulter 
nimmt, um sich mit Saladin, dem i^elden des Ostens, 
zu messen. Da verschlingen die neidischen Fluthen 
des Seleph den greisen Helden und ein Schrei des 
Entsetzens geht durch das deutsche Landl Wir be- 
greifen, dass derlei Ereignisse, deren sich Dichtung 
und Sage bemächtigten, an einepi so hellen Kopf, 
wie ihn Walther besass, nicht spurlos vorübergehen 
konnten, dass sie vielmehr einen Eindruck hinterliessen, 
aus dem sich vorzugsweise die glühende Hingabe des 
Dichters an sein Vaterland erklärt. Das buntbewegte 
Leben wer es, das unseren Sänger erzogen hat. Nicht 
aus Büchern und Schriften hat er seine Weisheit ge- 
sogen, sondern er hat sie vom grünen Baume der 
Erfahrung gebrochen. Zu den erwähnten Anregungen 
kam der Umgang mit Sangesgenossen. Zunächst mit 
Reinmar von Hagenau, dem Führer der Sängerschaar. 
In ihm fand der Jüngling einen erfahrenen Meister und 
würdigen Freund. Weihte ihn dieser in die Geheimnisse 
des Singens und Sagens ein, so knüpfte ihn anderseits 
ein trauliches Freundschaftsband an die jungen Prinzen 
Friedrich und Leopold. Zwar trübte sich das Verhältnis 



zu letzterem, aber Friedrich blieb ihm gewogen, auch 
als sein Vater gestorben und er selbst Herzog gewor 
den war. 

Zur Freundschaft trat die Liebe. Und Liebe und 
Natur waren es, die den ersten Funken dichterischer 
Begeisterung aus dem Jüngling schlugen. 

Die ihr, o Wiener, an wannen Sommertagen aus 
wogender Weltstadt flieht, um in die Arme reich- 
schwellender Natur zu eilep, ener Gemüth wäre vor 
allem besaitet,' den Törteit des Dichfers hach zu em- 
pfinden, der seine naivsten und ursprünglichsten Weisen 
unt^r demselben Blau und dem schattigen Grün eurer 
Wälder gesungen hat, gesungen hat an dem Busen 
eines rothwangigen Winzermädchens, das es dem 
Sänger mit seinen schwarzen Augen angethan. 

Es ist Frühling. Pie junge Welt eilt zum Tanze 
auf blumigem Anger. Auch sie kommt. Walther reicht 
ihr den kraqz. '. 

O, ruft er aus, 



O Mädchen setze diesen Kranz 

Von Blufften auf dein Haar! 

Die Schönste bist du bei deffi Tanz . 

/// Jungfräulicher Schaar. 

Hätf ich nur Gold uttd Eiielsteine, 

Zu schfttücken dir das Haupt l 

Es schmerzt ffiich, wenn du je geglaubt. 

Dass ich's nicht ehrlich tfieitte. 



Da ftahtn sie, was ich lieberui bot, 
Voft holder Schafft durchglüht; 
Die lichten Wangen wurden roth, 
Wie Waldes Röslein blüht. 



/ . ~-~(f> 8 0> 

. Vtrsthämt sich ihre Äugten neiget^ • ' "" ' 
.Z« heimlich holdem Gruss; 
' Öiid iminle mir noch mehr; ich muss 
' In Treuen es verschweigen, 

* 

Ob wacÜencl^ ob träumend, begleitet ihn nun fortan 
ihr Bild. So erscheint sie ihm einstens in einem rei- 
zenden Traume und will mit ihm zur Haide, wo ver- 
schwiegene Vöglcin singen und rothe Blumen blühen. 
Da, als sie in seliger Lust anler def Lindp ruhen und 
Blüthe an Blüthe sie begräbt, reisst ihm der neidische 
Traumgott die Binde vom Auge und er ist, — allein.« 
Du bist, spricht sie ihn im Traume an, 

Du bist so schön; den besteh Kranz 
Gab ich dir gerne preis, > 
Der Je mich zierte 'bei dem Tanz ! 
Doch Liebster, halt, ich weiss 
Viel Blumen auf der Haide stehn, 
Die roth utui 7ueiss entsprangen, 
Wo Nachtigallen singen: 
Lass sie uns brechett gehn! 

O Liebestraum, o Liebestraum, 

Wie zaubervoll bist du! 

Die Blüthen sanken vom Undenbaum 

Uftd deckten weich uns zu. 

Doch als ich rief: Jetzt bist du meint 

Da stieg in voller Pracht ' ' 

Die Sonne auf, und ich erwacht' — 

Und war allein — allein. 



Den Dichter hat's. In jauchzenden Tönen preist 
er die Stunde, da er sie, holdselig lächelnd, ^iä ersten- 
mal gesehen hatte: 



Rother Mund. 

Heil dir, o Stunde, da ick sie gefundm * • 

Draussen am WaldbQck in kindlicher Ifeirk^, • 

Die mir die liehende Seele gebunden i 

Dass ich an sie nur, die reizende Eine^ 

Denke kalh xoachend, halb träuniefui forta/i, * 

Das hat die ' Gute, die Schöne j^ethon 

Ufuf ihr rosiger Mund, der so lachen stets kann. 

Ihr^ der viel Liehen atnd Guten und feinen, 
Ha^ ich mein Siniftn und Mintten gegeben ; 
Mädchen, wann 7äss( du die Stunde erscheinen, 
Die mir das Süsseste ^f endet im LebetiP 
. Was ich auf Erden an T'reudeth gciuänn, 
Das 'Mit 'die 'Gute, die Schöne gethan, 
• UfuT ihr rosiger Mund, der so lachen stets kann. 

Sc]ion Biöchle er mit ihr im lauschigen Waldgrunde 



•Rosen lesen. 

Wann doch endlich werd' ich Rosen 
Lc^en mit dem Mägdelein, 
Dass wir 'küssen uns und kosen 
In dem lauschig stillen Hain? 
Einen Kuss von ihrem Munde, 
Und geschlossen» ist die Wunde, 
Die mir schlug der Uepe Pein. 

Aber auch das Mädchen* geht "mit sich zu Rathe 
und will den» Geliebten, den alle Welt verherrlicht, 
durch triebe beglücken. 



Du hast 7>iel Gnade mir gethan, 
O Goit! Du käst mein Aug' gelenkt 
Nach ihm, dem allerbesten Mann, 
Und Liebe in mein Herz gesenkt. 
Es war ein Augettblickchen nur, 
^ Dass ich ihn küsste, und es fuhr 
Mir in das Herz. So kann's nicht, gehn: 
Geivähre ihm und mach ihn froh ! 
Wenn ich nur wüsste: wif ufid wo? 



Endlich ist auch das Wo und das Wie gefunden. 
Sie selbst plaudert es in naiver Unschuld in dem rei- 
zendsten Liede aus: 



Die verschwiegene Nachtigall. 

Unter der Linden 
An der Haide, 

Wo ich mit meinem Liebsten sass, 
Da mögt ihr finden, 

Wie wir beide 

Die Blumen brachen und das Gras ; 

Vor dem Wald, in einem Thal — 

Tandaradei! 
Herrlich sang die Nachtigall ! 

Lch kam gegangen 

Zu der Aue, 

Und mein Liebster war schon dort. 

Der mich empfangen, 

Heilige Fraue, 

Dass ich bin selig immerfort. 

Ob er mich wohl oft geküsst? 

Tandaradei l 
Seht, wie roth der Mumi mir ist! 



<o 1 1 a> . 

Und Blumen brachen 
Wir zum Bette 

In bunter Zahl. O kommt und seht! 
Vom Herzen lachen 
Muss, ich ivette. 
So int^ncher, der vorüber geht. 
Bei den Rosen er xvokl mag — 

Tandaradei! 
Sehen, tvo das Haupt mir lag. ^ 

Wie ich da ruhte, 

Wer es wüsste, 

Du lieber Gott, ich schämte mich ! 

Wie mich der Gute 

Nahm und küsste, 

Ei, das weiss nur er und ich — 

Und auch du, Waldvögelein, 

Tandaradei l 
Nicht wahr, wirst i'erschwiegen sein? 

Stundenlange steht nun das Mädchen unter der 
Linde am Waldsaum und sieht nach dem Pfade, der 
ihr den Geliebten bringt. Dann erzählt sie ihm von 
einem Traume, der sie beängstigt hat, und will ihn 
gedeutet wissen. Boshaft neckt sie Walther mit der 

Traumdeuterin. 

Als der Sommer wieder kam 
Und die Blumen wonnesam 
Aus dem Grase sprangen. 
Ringsum Vöglein sangen, 
Gieng ich voller Freude 
Nach der grünen Halde, 
Wo im Schatten vor dem Wald 
Eine Quelle friscjf, und kalt 
Rieselt und es nachtigallt. 



<w 12 Q> 

Bei der Quelle stand ein Baum, 
Da umwob mich süsser Traum; 
Ich war aus der Sonnen 
Gegangen zu dem Bronnen, 
Wo die Liftde weit und breit 
Kühlen Schatten von sich streut; 
Setzte an den Bronnen mich, 
Und wie Sorge von mir wich, 
Kam der Schlaf so wonniglich. 

Träumte mir, dass alles Land 
Bis zum fertien Meeresstrand 
Mir, dem König, fiele zu, 
Und ich fämie, was ich thu', 
Ob an Werken oder Worten, 
Einstens offne Himmelspforten. 
Aller Sorg* vergass ich da; 
Weiss der Himmel, wie's geschah, 
Schonern Traum ich niemals sah. 



Dass ich schliefe fort und fort ! 
Aber eine Krähe dort 
Schrie, dass ich enuachte, 
Krähen, ich verachte 
Und verfluche euch. Mich so 
Aus dem Glück zu reissen! Of 
Wie ich nur erschrecken mag! 
Dass kein Stein auch vor mir lag, 
Wäre euer letzter Tag! 



Erst ein Weib, gar lounderalt, 
Tröstete mich Armen bald, 
Als ich sprach in meitiem Leid: 
Sprich, bei deiner Seligkeit, 
Was der Traum bedeute? 
-»Hört ihr klugen Leute! 



^ 13 ^^'^ 

Eins und zwei, die geben drei; « 

Ferner sagte sie dabei, 

Dass mein Daum ein Finger sei. 



Ja selbst als Schnee im Thale lag und kalte* 
Stürme wehten, scherzte der Dichter wie ein Kind 
und sang ein 



Vocalspiel. 

Die Erde glänzte fem und fiah 
Im FarbenscHmurk, wohin man sah, 
Im Walde sang der Vöglein Sc haar. 
Nun schreit die Nebelkrähe: Kräh! 
Prangst du in andrer Farbe? Ja; 
Du bist so grau, wie sie beinah. 
Es liimpften sich viel Stirnen da. 

Ich sass auf einer grünen Höh', 

Da sprossten Blumen auf und Klee 

Zwischen mir und einem See. 

Der Augen Weide schwand, Je! 

Wo wir Kränze brachen eh'. 

Da liegt nun funkelnd weisser Schnee; 

Das thut den armen Vöglein weh. 



Die Thoren jubeln laut: Ahi! 

Die Armen wimmern: Weh, ozvil 

Mir ist so bange, wie noch nie. 

Welch harte Sorgen sind es, die 

Der böse Winter mir verlieh; 

Wie würd' ich Jauchzen spät und früh, 

WUr' nur der Sommer 7vieder hie! 



— <:^ 14 Q> — 

Beiwr ich länger lebte so, 
Aess' ich die Krebse lieber roh. 
O Sommer, mach' wis wieder froh ! 
Du zierest IVald und Wiese, wo 
Ich Kränze tuafid und lichterloh 
Mein Herz zur Sonne aufwärts ßoh. 
Nun jagt's der IVinter in ein Stroh. 



Und wie mein glattes Haar im Nu 
So struppig zvard von träger Ruh' ! 
O süsser Sotnmer, wo bist du? 
Ich sah' so gern dem Feldbau zu. 
Eh' ich in solchen Banden ruh'. 
Wie ich gefesselt jetzo thu', 
Eh' würd' ich Mönch in Toberlu! 



Freilich zogen auch leichte Wolken am Himmel 
ihrer Liebe auf und nicht selten wurde geschmählt und 
geschmollt, wenn das Mädchen umsonst nach ihm aus- 
geschaut hat. Aber Walther küsst ihr die Thränen 
vom Aug' und meint: 

Dass ich dich so selten grüsse, 
Mädchen, zürne nicht! 
Heute Thränen, morgen Kusse, 
Heute Schatten, morgen Licht! 
So ein wenig, 7uemg grollen 
Und dann wieder sich versöhnen: 
Dieses tändelnd süsse Schmollen 
Macht die Liebe erst zur schönen. 



Aber schon raunt man sich am Wiener Hofe zu, 
dass der Dichter Herz und Lied an ein Mädchen ver- 
geude, das, so lieb es auch sein mag, denn doch nur 



- -<c 15 ^- - 

ein Bauernmädchen sei. Zwar noch ist Wahher der 
stiinnende Jüngling, der sich über alle Schranken hin- 
wegsetzt. O, ruft er in 



Schönheit und Anmuth 

Du herzgeliebtes Mädchen mein, 
Gott nehme dich in seine Hut! 
Wo ist ein Name, 7vürdig dein, 
Zu preisen dich mit hohem Äfuth? 
O sage mir, hat dich wohl Je 
Ein Herz so innigtreu geliebt? 
Ach, Uebe thut dem Herzen loeh. 



Wer tadelt, dass ich Herz und Lied 

So armem Mädchen hah^ geschenkt. 

Der toeiss nicht, wie die Anmuth blüht 

Und wie solch bittrer Tadel kränkt. 

Ich aber meine ohne Hass: 

Es hat vom Herzen nie geliebt, 

Der nur nach Gold und Schönheit mass. 

In Schönheit wohnt oft Hass und Neid, 
Wer nur nach ihr jagt, ist ein Thor; 
Doch Anmuth jedes Herz erfreut, 
Denn sie geht weit der Schönheit vor. 
Die Anmuth ist's, die Schönheit gibt; 
Doch Schönheit nie solch Anmuth leiht, 
Dass man die Schönheit darob liebt. 

So tadelt immer, dass mein Flug 
Der Liebe ein so niedrer sei ; 
Mir ist sie scliön und reich genug. 
Und ich bin iiberfroh dcü>ei. 



~<u i6 j^^- — • 

IVü man auch höhnt, ich bin dir hold 
Und nahm den Fingerring aus Glas 
Für aller Königinnen Goldx 

Hast du nur Treue, liebes Herz, 
So flieht die Sorge, dass ich einst 
Durch dich erleide bittern Schmerz, 
Doch wenn du es nicht ehrlich meinst 
Und falsche Liebe dir entspriesst. 
So lüirst du nimmer, nimmer mein, 
O weh mir, wenn es also ist! 

Aber es kam eine Maiennacht, frostig und scharf. 
Und als der Morgen von den Bergen stieg, gab es 
gesenkte Blumen und Blüthen. Draussen aber 

Im grünenden Walde am Wiesenquell 
Ein Mägdlein sinnend stand, 
Das hielt vor seine Augen hell 
Die weisse, weisse Hand. 

Und fragtest du: Was fehlt dir, Kind? 
So schüttelt es das Haupt, 
Und ein Vöglein singt von grüner Lind' : 
Es hat zu viel geglaubt. 

In ihrer Nähe Steht ein Strauch, 

Es blühen Rosen d'ran, 

Waldröslein. So eins bist du auch, • 

Was hat man dir gethan? 

Da blickt sie aufwärts tiefbetrübt: 
Keine Rose ohne 'Dorn ! 
Den ich so sehr, so sehjf gelieb f, 
Ich habe ihn verlor'n. , ** * *. 



- -^ 17 o> 

Dort lag er einst auf grünem Klee, 
Brach Röslein, Köslein roth; 
Nun ist er fort, mir ist so weh. 
Ich wäre Heber todt! 

Und mit der weissen Hafid geschwind 
Verhüllt sie wieder das Haupt; 
O du mein armes, armes Kind, 
Du hast zu viel geglaubt! 

Du hast zu viel geglaubt! Es glüht 
Waldröslein lustig fort — 
Doch ach, wie bald ist es verblüht. 
Gebrochen und verdorrt! 



Hohe Minne. 



Wer gab dir, Minne, die Gewalt, 

Düss du so allgewaltig bist? 
Du zwingest yung und zwingest Alt 

Und gegen dich hilft keifte List, 
Wie dank ich Gott, seit mich dein Band 
Umschlungen hat und ich erkannt, 

Welch hohem Dienst ich mich geweiht; 
O Gnade, Königin, o Gnade, 

Ich will dir dienen alle Zeit! 



Mit diesem Liede wollen wir jene Epoche einleiten, 
die wir als »hohe Minne« bezeichnen, das ist die Zeit, 
in welcher sich Walther mit aller jugendlichen Frische 
in den Dienst einer Dame begeben hat, die, aus vor- 
nehmem Stande, nur zu bald jenes Mädchen in seiner 
Erinnerung verblassen machte, das es ihm einstens 
mit seinem rothen, minniglich lachenden Munde an- 
gethan. Was kümmerte es ihn, wenn es nun draussen 
im grünen Schlag, wo Veilchen und Klee entsprossen, 
unter der Linde sass und vor sich sang: 



io 1 9 q)— - 

O du mein lieb Waldvögelein, 

Waldvögelein, 
Wie sangest du vom Blatt, 
Wenn in den grünen, grünen Hain 
Bei Veilchenduft und Sonnenschein 

Mein liebster Friedel trat ! 

Hoch über uns des Himmels Blau — 

Es lag der Thau 
Auf Blumen und auf Gras; 
Wir aber lagen Brust an Brust 
Und küssten uns, und welche Lust 

In seinem Aug' ich las! 

O unter grünem Lindenbaum 

Du Liebestraum, 
Du musstest bald vergehn! 
Mir aber wirst du sommerlang, 
Wie Maienhauch und Waldgesang, 

Noch im Gemüthe stehn! 

Walther ist unterdes in tiefes Sinnen verloren; im 
Geleite von Frauen schreitet die vornehme Dame reich 
gekleidet und geschmückt in Gesellschaft, von Zeit zu 
Zeit anmuthig sittsam um sich blickend. Sofort ist ihm 
Eines klar geworden, dass der Strahl ihrer Augen ihn 
dorthin getroffen habe, wo die Liebe wohnt. Nun ist 
ihm, als ob der Frühling mit all seinen Reizen vor 
dem Bilde der Herrin verschwinden müsste, die ihm 
das Gedicht 

Frühling und Frauen 

als erstes Weihelied auf die Lippen legte. 

IVi'e schön ist es, wenn so am frühen Morgen 
Des jungen Mai nach Jungfrau' nart verborgen 
Die kleinen Blumen aus dem Grase schauen 
Und freuftdlich nicken : Sei gegrüsst, o Sonne ! 



Wie herrlich, wenn in sommergriinen Auen 
Die kleinen Vöglein ihren Sang erheben: 
Das ist ein Schmettern, yubeln und ein Lehen 
Und^nichts auf Erden gleicht wohl dieser Wonne: 

Man glaubt sich schon im halben Himmelreich, 
Und dennoch sah ich einst, ich sage etich. 
Was meinen Augen wohler noch getlian 
Ufid noch thun würde, sah' ich's wieder an. 



Ihr zweifelt wohl? Nun denn, das ist ein Weib, 
Ein junges, schönes, hochgebomes Weib, 
Das mit dem Kranz im aufgebundenen Haar, 
Geschmückt mit festlich wallendem Gewand, 

Voll Ztuht einhergeht in der Frauen Schaar. 
Ein holdes Lächeln sitzt auf ihretn Munde, 
Verstohlen blickt sie manchmal in die Runde 
Und wirft in manches Herz der Liebe Brand. 

Wie unter Sternen steht sie eine Sonne — 
O armer Mail wo bleibt da deine Wonne? 
All deine Blumen lass' ich gerne stehn 
Ufui will mir sie in ihrer Schönheit sehn. 



Ihr neigt das Haupt und lächelt? Nun wohlan! 
Mit Blüthen ist bestreut die grüne Bahn 
Und unter sanften Nachtigallentönen 
Zieht siegreich ein der königliche Mai. 

O blickt auf ihn, doch schaut auch auf die 

schönen 
Und keuschen Frauen mit den holden Wangen l 
Wem glüht da nicht die Seele vor Verlangen 
Und wer aus euch fühlt sich von Fesseln frei? 

Ihr heisst rnich wählen : Frühling oder Frauen ! 
Bei Gott, da gibt's kein überlanges Schauen; 
März müsst ihr sein, Herr Mai, der wolkenbleiche, 
Bevor ich je von meiner Herrin weiche ! 



Noch wagt der Liebende nicht, der vornehmen 
Herrin zu nahen; aber wo sie geht und steht, sucht 
er sie mit den Augen zu erreichen, ja selbst zum ein- 
samen Waldbach ist er ihr gefolgt, wo sie, allein sich 
glaubend, in nackter Schönheit aus dem Bade steigt. 
In sinnlicher Trunkenheit preist nun Walther die herr- 
liche Gestalt : das Haupt, das ihm wonnevoll wie der 
Himmel erscheint; die Augen, die wie zwei Sterne 
leuchten ; die Wangen, die Gott selbst so roth und lilien- 
weiss gemalt hat; die Lippen, auf deren Polster er 
seinen Mund legen möchte; den Hals, die Hände, die 
Füsse und noch manch verborgene Reize, deren An- 
blick eine brennende Sehnsucht in ihm erweckt. O, 
ruft er aus, 

Ich darf dir nur ins Antlitz schauen, 

So ist mir schon, ich sah' fürwahr 
Den Himmel selbst, den dunkelblauen. 

In Sommernächten rein und klar, 
Zivei Sterne, mir ein Gottessegen, 

Sie läcJieln mich so freundlich an — 
O Herrin, komme mir entgegen, 

Dass ich mich darin spiegeln kann; 
Und bin ich noch so alt und krank. 
Ich werde Jung durch deinen Dank! 

Und deine Wangen erst, o sprich, 

Gott selbst hat sie gemalt, mein Kind, 
So weiss und roth und minniglich. 

Wie IMien und Rosen sind! 
Es ist doch, Herrin, keine Sünde, 

Dass ich dich schöner als das Blau 
Des Himmels und die Sterne finde ? — 

Doch stille, Mund! Die beste Frau — 
Sie sieht dich bald von oben an, 
Denn zu viel Lob entehrt den Mann. 



<t 22 Q> 

Du hast ein Kissen, o wie roth! 

Ach, legt' ich darauf meinen Mund, 
Ich würde frei von aller Noth 

Und bliebe immerfort gesund. 
Wem du das an die Wangen legst. 

Der schmiegt so gerne sich herbei — 
Es duftet ja, wie du's bewegst, 

Als ob es lauter Balsam sei. 
O gib mir doch das Pölsterlein, 
Und so du's willst, sei's wieder dein! 



Der Hals, die Hände und der Fuss, 

Wie ganz nach Wunsch seid ihr gebaut! 
Euch anzusehn ist ein Genuss. 

Und dennoch haH ich mehr gescheut, — 
Nicht gerne, als ich nackt dich sah, 

Hätt' ich gerufen: Decke doch! 
Mich aber traf's im Herzen da. 

Und so wie damals sticht es noch. 
Denk' ich des Orts, wo voller Scham 
Die Herrin aus dem Bade kam! 



Endlich hat Walther Gelegenheit gefunden, die 
Dame kennen zu lernen. Ein freundlicher Gruss ist 
ihm zutheil geworden. Aber noch ist er scheu und 
unbeholfen. Schüchtern wie ein Kind sitzt er vor ihr, 
und so oft ihn ein Blick aus ihren Augen trifft, ist 
ihm, als ob er von Sinnen wäre, und all die zierlichen 
Worte, die er sich vorher einstudiert hatte, sind wie 
vergessen : 

So ich mich bei ihr befinde 

Und mit ihr nun reden soll, 

Ist mir bang wie einem Kinde, 

Und im Kopf so wüst und toll. 



Hatte manches mir ersonnen, 
Doch ein Blick nur, und zerronnen 
Ist das Wörtlein in dem Munde — 
Ei, was hatt' ich von der Stunde i^ 

Möchte ihn doch Frau Masse, die Schöpferin aller 
edlen Kunst und feinen Wesens, die allem, was wir 
thun und lassen, eine würdevolle Schranke verleiht, 
mit ihrem Rathe beschirmen! Denn wer diesen befolgt, 
braucht sich weder bei Hofe noch auf der Strasse zu 
schämen. Die Herrin ist so vornehm, der Dichter so 
jung und unerfahren, dass er sie bittet, sie möge ihn 
lehren, wie er zu einem höfischen Manne werde, um 
mit Frauen würdig zu verkehren. Bescheiden weist 
sie das Lob von sich, verlangt jedoch, dass ihr Wal- 
ther die Gesinnung der Männer offenbare, bevor sie 
ihn der Frauen Sitte lehre. Walther entgegnet: 

Wir glauben, dass Beständigkeit 

Die Krone aller Frauen ist; 
Wenn ihr mit Zucht noch fröhlich seid, 

Dann Lilie neben Rose spriesst. 
Wie herrlich steht dem Lindenbaum 
Der Vogelsang und Blüthensaum! 

Noch schöner steht euch holder Gruss; 
Der Mund, der freundlich reden kann, 

Der macht, dass man ihn küssen muss. 

Den Frauen aber behagt der Mann am besten, der 
ein gesundes Urtheil hat, stets das Beste von ihnen 
sagt und in rechtem Masse heiter ist, nicht zu demü- 
thig noch zu stolz: 

Dem wird zutheil, was er begehrt; 
Welch' Weih versagt ihm einen Faden? 
Gut' Mann ist guter Seide werth. 



In so liebenswürdig geselligem Tone verkehrt die 
vornehme Dame mit dem Dichter und ermuthigt ihn 
in einer geistvoll point-irten Conversation, in der die 
Worte in balles wh scherzend herüber und hinüber 
fliegen, zu den galanten Worten : Wisst ihr, Herrin, 

Wie ihr auch an Schönheit reich ? 
Ach, wenn sich des Leibes Bliithe 
Einte noch mit Herzensgüte, 
Welche Ehrt, krönte euch! 

In etwas kokettem Tone erwidert sie: 

Schön? Ich weiss nicht, ob ich's bin? 
Gerne hätt' ich Weibes Güte! 
Lehrt mich, wie ich sie behüte! 
Schönheit taugt nicht ohne Sinn. 

Schlagfertig knüpft Walther seine Vorschriften an 
die letzten Worte: 

* Herrin, gut, ich will euch lehren 

Auf der Welt der Frauen Brauch : 
Gute Leute sollt ihr ehren. 
Freundlich schau' n und grüssen auch; 

Einem sollt ihr euren Leib 
Eigen geben, nehmt den seinen! 

Doch den Augenblick benützend , setzt er sofort 
dringend hinzu: 

Gäbe gern, wollt ihr den meinen, 
Ihn um, solch ein schönes Weib! 

Die Dame weicht aus ; anmuthig zwar ihre Schuld 
bekennend, meint sie: 



^ 25 Q> 

Freundlich schauen, freundlich grüssen, 
Hab' ich's bisher nicht getha», 
Will ich's für der gerne büssen, 
Denn ihr seid ein höfischer Mannl 

Aber was »den Leib hingeben« betrifft, bedauert 
sie schalkhaft: 

Mir zu Liebe thut nichts mehr, 
Als dass ihr gesellig plaudert; 
Doch das andre — o mich schaudert — 
• Wag' ich nicht; auch schmerzt es sehr. 

Aber Walther will das Wagnis bestehen ; stirbt er, 
ist's ein sanfter Tod. Nicht so die Herrin: 

Ei, ich will noch länger leben. 
Mögt auch ihr das Leben hassen, 
Aber ich kann es nicht fassen, 
Meinen Leib für euren hinzugeben. 

So geht es nicht länger. Er bedarf einer Für- 
sprecherin. Das ist Frau Minne. Sie, die durch das 
Thor des Herzens aus und ein schreitet, muss für ihn 
werben. Wenn die Herrin nur wüsste, wie aufrichtig 
er sie liebt! Gibt es doch viele, welche Liebe heu- 
cheln und falsche Liebe mit so süssem Wort begeh- 
ren, dass ein Weib nicht wissen kann, wie es die 
Männer halten. O, ruft er aus: 

Minne, so ein täglich Wort, 

Doch von fremdem Wesen ist; 
Minne ist des Glückes Hort, 

Ohne sie kein Heil erspriesst. 
Meiner Brust, so liebend offen, 

O Frau Minne, 

Wohne inne, 
Lass mich nicht vergeblich hoffen t 



<0 26 Q> 

Einem so beständigen Werben kann sich ihr Herz 
nicht verschliessen. Sie nimmt ihn zum Ritter an. Nun 
erst fühlt Walther, wie Liebe selig macht. Der Glanz 
ihrer lichten Augen hat ihn so empfangen, dass seine 
Trauer zerfloss und ihm noch nie so freudenvoll zu 
Muthe war. Aber, ach! fährt er in banger Ahnung 
fort: 

Minne, du bist reich an Wonne, 

Doch auch reich an banger Qual; 

Aus den Augen, wie die Sonne, 
Leuchtet jetzt der Liebe Strahl; 

Doch dein Zauberspiel, es endet. 
Und dein Sinn so launenhaft 
Hat gar manche Leidenschaft 

Schon in Kälte, ach, gewendet. 

So stellt sich schon jetzt mit der Liebe die Sorge 
ein. Wenn nur die Merker nicht wären, die hin- und 
hertragen und kaum ersprossene Herzensblumen zu 
vernichten drohen. Es ist Frühling. Alles eilt hinaus, 
Pfaffen und Laien. Warum sollte man nicht fröhlich 
sein, wenn die Vöglein mit ihrem schönsten Schalle 
singen, die Bäume sich grün kleiden und auf dem 
Anger Klee und Blumen streiten, wer kürzer oder 
länger sei? Ach, alles jubelt und tanzt; als aber 
Walther kommt, weist sie ihn lachend ab. 

Rother Mund, 

ruft er klagend aus, 

lass dein Lachen, 
Das dich so entstellet; 
Schäm' dich, es mir so zu machen, 
Den du so gequälet \ 



<o 27 5> 

Die Gnadenlose I Möchte sie doch bedenken, dass 
nur jene Liebe die echte sei, die mit Freude lohnt; 
denn so anders er imstande ist, das Räthsel zu lösen, 
was Liebe sei, so muss sie die Wonne zweier Herzen 
sein, denn Eines sei viel zu klein, um solches Glück 
zu fassen. Er bittet sie daher, mit ihm die Allgewalt 
der Liebe zu theilen oder ihm gradaus zu sagen, dass 
er ihr gleichgiltig geworden sei. 

Kannst du nimmer mich ertragen. 

Sprich es aus, sodann 
Will der Liebe ich entsagen 

Als ein freier Mann. 
Doch so süss wie meine Weisen 
Wird kein Mund dich fürder preisen ! 

Abermals sehen wir den Liebenden vor dem Thron- 
stuhl der Frau Minne; diesmal als Kläger. Sie soll 
wissen, dass ihn diejenige, die sein Gesang mit dem 
höchsten Lobe gekrönt habe, vor aller Welt höhnend 
behandle. Frau Minne soll richten und einen ihrer 
Pfeile in das Herz der Spröden senden oder auch 
ihn von seiner Liebeswunde heilen ; im andern Falle, 
droht er, sind wir geschiedene Leute. Um das Un- 
glück voll zu machen, traten noch körperliche Leiden 
zu den I^eiden der Seele. Es war die bange Winter- 
zeit, in der ihn eine schwere Krankheit fast an den 
Rand des Grabes gebracht hatte.. Wie sehnte sich 
Walther den Tagen entgegen, wo »selbst die Dornen 
Rosen tragen« und sich »alles, alles wenden muss«. 
Endlich zog der Mai ein. Schon hatte der Dichter ge- 
wähnt, nie wieder rothe Blumen auf grüner Haide zu 
sehen; als er aber die Vöglein singen hört, lädt er, 
Icaum genesen, die Herrin zum Tanze im Freien ein. 
Doch wie matt pnd wehmuthsvoU klingt diesmal sein 



28 



Friihlingsgruss . 

Der Reif that kleinen Vöglein weh, 

Dass sie nicht mehr sangen; 
Nun singt es herrlicher denn Je, 

Da Wald und Wiese prangen 
Und Blumen streiten mit dem Klee, 

Wer wohl länger wäre: 

Herrin, welche Märe! 

Des Winters Frost und andre Noth 

Thaten mir zuleide. 
Ich dachte nicht mehr Blumen roth 

Zu sehn auf grüner Haide; 
Und manche klagten, war' ich todt, 

Die so lustig sprangen. 

Wann die Saiten klangen. 

O Frühlingstag, o Frühlingstag, 

Müsst' ich dich versäumen. 
Es wäre ein zu harter Schlag 

Für all mein Lieben und Träumen, 
Wie ich so gerne ei?istens pflag. 

Nehmt des Himmels Grüsse, 

Dass mir Heil erspriesse! 

Walthers Krankheit war auch schuld, dass er dem 
Kreuzzuge ferne blieb, den Herzog Friedrich mit 
Reinmar und vielen Edlen aus Oesterreich 1196 un- 
ternommen hatte. Aller Blicke wandten sich damals 
nach Osten. Heinrich VI., der Sohn Barbarossas, war 
ja nahe daran, den idealen Traum eines deutschen 
Weltreiches zu verwirklichen. Schon waren die Schlüs- 
sel des Orients in seinen Händen und zitternd sass 
Kaiser Alexius III. auf dem morschen Throne in Con- 
stantinopel. Da klopfte der Tod auf Heinrichs Schulter 



<P 29 Q> 

und hiess ihn Abschied nehmen von all den weiten 
hochfliegenden Planen. Auf schwarzem Ross, meldet 
die Sage, stürmte damals der Geist Dietrichs von Bern 
über die Fluren am Rheinstrom, ein finsterer Mahner 
kommenden Elends, das nur zu bald hereinbrach. Mit 
Heinrich VI. wurde auch der Glanz des deutschen 
Reiches eingesargt und Tage kamen, in welchen das 
Schwert sich nach innen wandte und der Deutsche mit 
dem Deutschen focht, bis das geschwächte, zerrissene 
Vaterland ein Spielball höhnenden Nachbars ward. Und 
wie über Deutschland zogen auch Wolken auf über 
das Leben unseres Sängers. Wo waren sie hinge- 
kommen, die schönen, buntbewegten Tage in Wien ? 
Der Herzog war fort und alles klagt über Lange- 
weile und einschlummernden Gesang, so dass Walther, 
selbst des Trostes bedürftig, die andern tröstet: 

Zu dunkel seht ihr, die ihr meint, 

Dass niemand lebt, der singet ; 
Bedenkt, wie trüb die Welt erscheint, 

Die so mit Sorge ringet l 
Doch die Stunde kommt, da man singt und sagt. 

Gar balde; 
So hat ein Vöglein auch geklagt: 
Ich singe nicht, bevor es tagt! 

Das sich verbarg im Walde. 

Dessen ungeachtet will niemand froh werden, selbst 
die Jungen und Reichen nicht, die vor Freude in den 
Lüften schweben sollten. Wie seltsam doch, fahrt Wal- 
ther fort, Frau Saide zu kleiden weiss? Mir gab sie 
Armut und Frohsinn, dem andern Reichthum und 
Schwermuth. Hätte sie mir doch ein Kleid aus seinen 
Schätzen und meinem Temperamente zugeschnitten ! 
Es stimmte meine Noth doch mehr zu seinem Gram ! 



^ 30 cC 

Als bestes Heilmittel gegen Kummer und Sorge em- 
pfiehlt Walther die Erinnerung an Frühling und Frauen. 
Wohl mag einem bange werden, wenn die trüben Win- 
tertage kommen ; aber er will dem Beispiel der Haide 
folgen. Wie Erica, sobald sie den Wald grünen sieht, 
gleichsam vor Scham erröthet, dass sie traurig war, so 
muss sich auch er in Erinnerung an die lichten Som- 
mertage seiner unnöthigen Trauer schämen. 

Hasf du ein geheimes Leid, 

So gedenke edler Frauen 
Und der lichten Sommerzeit, 

Und dein Aug' wird heller schauen. 
Wenn mich Wintersorge grämt, 

Denke ich der Haide bald, 
Die sich ihres Leides schämt 

Und erröthet, grünt der Wald. 

Der Gedanke aber an seine eigene Herrin trifft 
ihn mitten ins Herz an die Stelle, wo die Liebe wohnt. 

O wie gut bist du und rein. 

Meine Seele ist dir offen; 
O lass ab und schone mein, 

Die du mich ins Herz getroffen! 

Lieb und lieber? Nein du bist 

Mir das Liebste, das ich kenne; 
Wenn ich deifien Namen nenne. 

Alles Leid verschwunden ist. 

Die Verzagten wähnen, auch er sei verzagt. Grund 
hätte er gehabt. Neider entfremdeten ihm die Dame, 
Lügner den Wiener Hof. An Leopold, der zurück- 
geblieben war, um das Land zu verwalten, fanden sie 



ein nur zu geneigtes Ohr. Ihm war der Liebling des 
Bruders keine persona grata. Was würde Walther um 
die Neider fragen? 

Gerne will ich Hass erleiden, 

Wenn mich nur die Herrin liebt, 
Dass sie mich mit Recht beneiden, 

Die mein Liebesheil betrübt. 
Wenn ich dich nur lächeln seh', 
Ist mir wohl und ihien weh. 

Möchte gern in einem Aleide 

Frau und Freundin in dir schau' n, 
Dass mein Aug' sich daran weide. 
Wie an Blumen in den Au'n. 
Freundin ist ein süsses Wort, 
Frau ist aller Freuten Hort, 

Weithin lass ich es erschallen, 
TiHttst du mir zwei Worte ab; 

Ijxss auch du sie dir gefallen, 
Wie kein Kaiser je sie gab: 

* Freund und FriedeU sollen dein, 

Du mir ^Frau und Freundin* sein. 



Aber so ist der Lauf der Welt. Sein Aiisfchen 
schwindet, die Dame zieht sich zurück. Ach, Wolken 
am Himmel der Liebe wären ja recht: 

•»Leidvoll und freudvoll, 
Gedankeni'oll sein, 
Hangen und bangen 
In schwebender Pein*^. 

gehört zur Minne. Nur 



— ^p 32 ^- — 

Eine Rede sollst du lassen, 

Herrin, ach, bei deiner Zucht l 

Sprichst du sie, ich müsst' sie Jiassen, 
Da sie nur der Geizige sucht: 

^ Gerne ich ihm Gutes thäte, 

Wenn er nur kein Unglück hätte. k 

Ach, wer solche Worte liebt 

Und das Gute doch nicht übt. 

Der ist' selbst vom Glück verßucht. 

Schon wHf .Walther den Dienst aufgeben. Aber 
eines versucht er noch: er flüchtet ins Reich der 
Vorbedeutung und beschwichtigt sein zweifelndes Ge- 
müth mit einem Liebesorakel. Er fragt sich, ob sie 
ihn liebe oder nicht, und ähnlich wie Gretchen im 
Faust die Blätter der Sternblume abzupft, pflückt er 
einen Grashalm AG 

sie liebt liebt nicht liebt liebt nicht liebt 

A 7 G 

b c d e f 

knickt denselben auf's Gerathewohl in b ein und misst 
mit dem eingeknickten Stücke Ab den übrigen Halm 
^6^ in der Weise ab, dass er messend von b bis c aus- 
ruft: Sie liebt! Von c bis d: Liebt nicht! Von ^/bis e: 
Sie liebt! Von ^ bis/; Liebt nicht! Von /bis G: Sie 
liebt! Und dieses Wort, das er spricht, als er mes- 
send bei dem Ende des Halmes fG angelangt ist, 
gilt ihm als das geheimnisvoll Giltige. 

Halmmessen. 

Ein Grashalm neu^n Muth mir gab; 

Er sprach, dass ich noch Gnade finde. ' 
Ich brach ein Stück ttnd mass es ab, 
Wie ich es sali ^^ manchem Kinde. 



33 



Ob sie mich liebt? O höti mich an! 

Sie liebt! Liebt nicht! Sie liebt! Liebt nicht! Sie 

liebt! 

Und immer er die gleiche Antwort gibt; 
O Trost! O Trost! Ist's auch nur süsser Wahn! 



Der Dichter gewinnt neues Vertrauen ; auch ist er 
nicht mehr so eifersüchtig, dass er gar keinen Mann 
in ihrer Nähe duldet. Nach dem Halmorakel kann 
sie ihm keiner wankend machen. Nur Eines kl^t er, 
dass die eitlen Prahler sie zu lange schon umschwär- 
men. O glückliche Zeit des Wünschens und Wähnens! 
So baut sich das Kind ein Luftschloss um das andere 
und lebt in einer ganz eigenen idealen Welt. Mit 
Wünschen behalf sich auch Walther von Kindesbeinen 
an und so träumt er sich noch jetzt: 

Mich in ihren Armen wiegend. 

Tauchend Blick in Blick, 
Dass ich, völlig sie besiegend, 

Finde höchstes Glück, 
Und beseligt frag* ich wieder: 

O Geliebte, thust du je 

Wieder mir so bitter weh? 
Doch sie lächelt vor sich hin: 

Ob, wenn ich so sinnertd träume, 
Ich nicht reich an Wünschen bin? 

Soll er aber ohne Dank geliebt haben, will er 
künftig lieber scherzen und lachen: 



Und fragt sie nichts nach Lust und Leide, 
So ist mir lieber doch die Freude, 
Als ein verlor^fier Liehe sschmerz. 



- -^ 34 -> - 

Damit hat der Sänger dem Fass vollends den 
Boden ausgeschlagen. Die Herrin ist herzlich böse 
und verbietet ihm den Gesang. In einem höfisch an- 
muthigen Liede sucht Walther Versöhnung an. Mit 
humoristischer Anspielung auf die Sitte seiner Zeit, 
den fahrenden Sänger mit alten und neuen Kleidern 
zu beschenken, schmeichelt er, dass selbst der Kaiser 
der Herrin zuliebe Spielmann würde, denn sie sei zu 
schön und dem Gebieter der Erde nicht zu gering: 
Glück und Segen seien ihrem Gewände, dem reinen 
Leibe, eingestickt. Doch auch die Worte: 



O Walther, so euch jemand kränkt, 

Habt ihr zu sagen einst geruht, 
Zürnt ihm nicht lange und bedenkt, 

Er schämt sich des und wird noch gut. 
Wenn euch das Wort vom Herzeti kam. 

So macht es wahr! Ihr aber bringt 
Für Herzenslust nur Herzensgram; 

Schämt euch, dass so mein Wort erklingt — 



zünden nicht mehr. Der Minnedienst ist geschlossen 
und mit ihm die schönste Zeit Walthers in Oesterreich. 
Was er noch singt, und dessen ist wenig, sind nur mehr 
Klagen über verlor'ne Liebesmühe, oder er wendet sich 
gegen die Lügner und Prahler, die so offen ihr Unwesen 
treiben und zum Schaden der Männer und Frauen Un- 
treue und Schande stiften, oder er klagt über den Ver- 
fall der Zucht bei den Frauen, deren Liebe nur mehr 
durch Ungezogenheit gewonnen werde, über den Un- 
dank der Welt, welche die Thorcn bevorzuge und treuen 
Dienst unbelohnt lasse, und schliesst mit schmerzvoller 
Resignation: 



<o 35 ^ 

IVeAe, nicht ein halber Tag 

Floss in reinster Lust mir hin; 
Was ich einst an Freude pflag, 

Sah wie Blumen ich verblühn, 
Die in hundertfarbigem Schein 

Rings auf allen Wiesen stehn; 
Darum soll das Herze mein 

Nicht nach falschen Freuden sehn. 

So haben wir Walther kennen gelernt, wie er, ein 
rothwangiger Jüngling, die Berge der Heimat verliess 
und den Hof der Babenberger betrat ; sind ihm gefolgt, 
als er in seliger Maien- und Minnelust die Wälder von 
Wien durchschwärmte; haben ihn jubeln und klagen 
gehört, da er im Dienst einer launischen Herrin stand ; 
aber Eines ist uns entgangen, dass sich Sommer und 
Herbst seitdem mehr als zehnmal die Hände gereicht 
haben und dass aus dem Jüngling Walther ein stiller 
und gereifter Mann geworden ist, den wir uns am 
besten so denken, wie ihn die Handschrift darstellt: 
auf einem Steine sitzend, das gelockte Haupt in die 
linke Hand gestützt, mit mildem Ernst im Antlitz dem 
Laufe des Lebens nachsinnend, wie es in seinen Licht- 
und Schattenseiten auf begrenzter eigener wie auf 
öffentlicher Bühne der Welt sich darbot. 



Abschied aus Oesterreich. 

Einmal muss geschieden sein, 
Oesterreich, adel 

Das reisst ins Herz, wenn die Stunde naht, die 
zu scheiden gebietet von liebgewordenem, traulichem 
Heim. Denn mag uns die Fremde noch so mütterlich 
empfangen, der Ort, wo wir als Jünglinge geküsst und 
gekost haben, ist mit unzerreissbaren Fasern an uns 
gebunden und hat jenes bange Gefühl in uns erzeugt, 
das wir mit dem vielsagenden, echt deutschen Worte 
»Heimweh« bezeichnen; es ist das sehnende Weh nach 
dem Heim unserer Jugend, der ersten Liebe, Kraft 
und Umarmung. Und eine solche Stätte war der won- 
nigliche Hof zu Wien für unseren' Sänger. Wie den 
Hof des sagenberühmten Artus umgab ihn ein reicher 
Kranz von Frauen und Rittern, in deren Mitte Frau 
Minne ihren Sitz aufgeschlagen hatte: 

Und da gab's der Wonnen viel: 
Reihentanz und Ringelspiel, 
Becherklang und Minnesang, 
Schwertgeklirr und Schildeshut 
Und manch Abenteuer gut. 

Aber es kamen andere Zeiten. Friedrieb der Katho- 
lische war mit der Blüthe der österreichischen I^tter- 
schaft nach dem heiligen Lande gezogen, und es schien, 



<o 37 «>- - 

als ob er alle Sangeslust und Festpracht mit sich ge- 
nommen hätte. In der gewohnten Weise dichterischer 
Verlebendigung legt nun Walther seine eigene Stim- 
mung hierüber dem 



Wiener Hof 

in den Mund: 

Der Hof zu Wien sprach einst zu mir: 

Gefallen sollt' ich, Walther, dir 
Und thu' es nicht; das möge Gott erbarmeti'. 

Mich rühmte einst des Sängers Lied: 

Wie ich hat nur Ein Hof geblüht. 
Des Königs Artus Hof. O weh mir Armen \ 

Wo sind die Ritter und die Fratin, 
Ein Kranz von Blumen einst zu schau'n? 
O seht, wie jammervoll ich bin ! 
Mein Dach wird faul, ein sinkt die Wand 
Und niemand, niemattd ist mir hold. 
Was gab ich Rosse, Kleider, Gold 
Und Silber nur in Fülle hin! 
Und nun kein Kränzlein mehr und Band, 
Noch Frauen, die zum Tanze ziehnl 

Da kam die Kunde nach Wien, dass Friedrich der 
Katholische im heiligen Lande gestorben und mithin 
der verwaiste Herzogsstuhl für Leopold frei geworden 
sei. Welch ein Schlag war das für Walther! 

wSo ist hin mein kjtzter Hort auch,* 
Sprach er seufzend, i^ Herzog Friedrich l 
Wenig hab' ich ihm zu danken. 



Doch er war mir ein Beschützer; 
Und jetzt bin ich so verlassen, 
Arm und schutzlos wie ein Bettler, 
Dem versperrt das Thor der Salden. 

Wolff, »Tannhäuaer«. 

Leopold der Glorreiche, dessen Milde deta süssen 
Regen glich, der Land und Leute erquickt, war ja dem 
gefeierten Sänger, wie wir bereits gesehen haben, nicht 
gewogen. Ränkesüchtige Schmeichler hatten den Dich- 
ter, dem das Wort vom Herzen auf die Zunge sprang, 
bei Leopold und seinem Hof kreise missliebig gemacht, 
Merker und Neider das Herz seiner Dame entfremdet. 
Und nun war die letzte Hoffnung vernichtet, dass sein 
Gönner wiederkehren und ihm das tiefgebeugte Haupt 
aufrichten werde. Wie sie achselzuckend auf ihn nieder- 
sahen, der, 

Seit Friedrich aus der Welt geschieden, 

Die Seele rettend ttach des Himmels Frieden, 

Demüthigte den stolzen Kranichgang ; 

Nun wie ein Pfau die leisen Schritte lefikend, 

Das Haupt herab bis an die Kniee senkend — — 

Und dennoch stellte Walther an den glorreichen 
Fürsten noch einmal die Bitte, dass er auch ihm die 
milde Hand erschliesse, die so viel der Spenden gab, 
als der grünende Anger an Blumen und Blättern bietet. 



An Herzog Leopold. 

Mir ist versperrt des Glückes Thor, 
Venvaist und arm steh' ich davor 
Und muss vergeblich klopfen; 



39 



Um mich ein 7vunderbarer Segen, 
Und doch van all dem gold'nen Regen 
Trifft mich kein einziger Tropfen, 

Mild bist du, Fürst aus Oesterreich, 
Dem süssen Strom des Regens gleich 
Erquickst du Leute und das Land; 
Du bist wie eine schöne Haide, 
Auf der man Blumen bricht uttd Blüthen : 
O möchte doch ein Blatt nur bieten 
Mir deine wundermilde Hand, 
Laut priese ich die Augenweide, 
Daran, o Fürst, sei du gemahnt! 



Doch Walthers Bitte war in den Wind gesprochen. 
Frau Saide hatte ihm die Pforte verriegelt, und eine 
Waise mitten unter Glücklichen, sah er sich gezwun- 
gen, jene Stadt zu verlassen, wo er einst, ein blond- 
gelockter Jüngling, der Minne Maienlust im Herzen 
tragend, ein so trauliches Asyl gefunden hatte, um 
nun, im Leben und Dichten gereift, als ein obdachloser 
Fahrender auf müdem Rosse, die Geige auf dem Rücken, 
hinaus zu reiten in fremdiu lant, heute im palas sin- 
gend vor erröthender Burgfrau, morgen im Dorfe unter 
schattender Linde. Der Gedanke an Scheiden und 
Meiden machte auch ihm das Herz bange, und noch 
einmal trat das Bild der Herrin vor seine Seele, 



Die ich nimmer und nimmer vergessen kann, 
Denn sie nahm all mein Sinnen und Denken; 
Und zvelcher, dem Vögelein gleichend im Tann, 
Ich stets neue Lieder will schenken. 
So nimm denn dies Eine, bevor ich geh': 
Es lächelt das Auge, das du hast bezzvungen, 
Es lauschet das Ohr, so du wirst besungen, 
D'rum Heil dir, o Heil, doch weh mir, o wehl 



Mit bitterem Sarkasmus aber nimmt er von jenen 
Abschied, die ihm sein Leben und Lieben verleidet 
haben. Ihnen weiht er sein 



Testament. 

Nun will ich theilen, eh* ich zieh', 
Mein fahrend Gut und festes Land, 
Dass niemand streite, ausser die, 

So ich als Erben hab' erkannt. 
Mein Unglück will ich Jenen lassen. 
Die gerne neiden, gerne hassen, 
Dazu ftiein angebor'nes Leid; 
Den Kummer soll der Lügner erben; 
Der Liebe ungestümes Werben 
Sei treulos Uebenden geiveiht; 
Euch Frauen aber will ich schenken 
Der Liebe schmerzliches Gedenken l 



Endlich ist der Tag des Abschiedes gekommen. 
Mit wahrhaft kindlichem Vertrauen wendet sich Wal- 
ther im Hinblick auf die weite unbestimmte Reise an 
Gott und bittet ihn um seinen 



Ausfahrtssegen. 

Gib mir, o Gott, auf meinen Wegen, 
Wohin ich fahre, deinen Segen, 
Dass mich kein Ungemach beschwere; 

Und der du ohfie Massen gut, 
O nimm mich auf in deifie Hut, 
Herr Jesu Christ, um deiner Mutter Ehre ! 



41 



Wie ihrer Gottes Engel pflag 
Und dein, der in der Krippe lag, 
So jung als Mensch und all als Gott, 
Demut hig vor dem Esel und dem Rinde; 
Obschon mit Treue euch und Sorgen 
Joseph der Gute hielt geborgen 
Vor Lebens Ungemach und Noth: 
So gib auch mir den Schutzgeist, dass ichfimie 
Den Pfad nach göttlichem Gebot l 

Und nun frisch in die Welt hinein, 
Einmal muss geschieden sein, 
Oesterreich, ade! 



Nach dem deutschen Rhein. 

O deutscher Rhein! Bei deinem Klang 

Beflügelt sich das Herz 
Und hebt sich mit der Lerche Sang 

Begeistert himmelwärts. 
Und so tief unten deine Fluth 

Mir ruft mit hellem Braus, 
Lässt es sich niederwärts und ruht 

Süssträumend bei dir aus. 

O deutscher Rhein! Bei deinem Klang 

Wie unsre Augen glühn! 
An deiner besonnten Berge Hang 

Die besten Reben blühn. 
Und wer da trinkt von ihrem Saft, 

Zu Füssen deine Fluth, 
Dem gibt das Alter neue Kraft 

Und die Jugend frischeren Muth. 

O deutscher Rhein! Bei deinem Klang 

Ward manche Dichterbrust, 
Die nur von Mai und Minne sang, 

Sich höhern Ziels bewusst. 
Und aus der Fiedel ward ein Schwert 

Und aus dem Lied ein Schlag, 
Der manchen Feind schon abgewehrt. 

Der trotzig vor uns lag. 



<^ 43 <^ 

O deutscher Rhein! Bei deinem Klang 

Erschloss sich auch ein Herz, 
Das nur vom eig'nen Schmerze sang, 

Des Vaterlandes Schmerz; 
Aus träumerischer Minne hob 

Es muthig sich empor, 
Und Deutschlands Ehr' und Deutschlands Lob 

Erklang in jedem Ohr. 



Ja, deutscher Rhein, bei deinem Klang 

Erglühte kampfbereit 
Für König Philipp der Gesang 

Des von der Vogelweid'; 
Frau Minne, die ihn einst bethört — 

Zerrissen ist ihr Band; 
Und Walthers Liedermund gehört 

Dem deutschen Vaterland ! 



Und so wurde es. Was unsern Sänger aus vielen 
seiner Genossen heraushebt und ihm dauernden Ruhm 
bei Mit- und Nachwelt eingetragen hat, das sind nicht 
seine Lieder, in welchen er gleich andern mit dem 
erwachenden Frühling jubelt und dem fallenden Herbst- 
laub klagt oder in spitzfindiger Weise über das Wesen 
der Minne disputiert, es sind seine Lieder und Sprüche, 
in welchen er sich von eintönigem und begrenztem 
Liebesthema ab- und den grossen, weltbewegenden 
Fragen seiner Zeit zuwendet; es sind die Sprüche, in 
denen der vom Po bis zur Trave und der Seine bis 
zur Mur herumgeworfene und vielgewanderte Sänger 
alles das niederlegt, was er mit scharfem Auge beob- 
achtet hat; es sind vor allem die Sprüche des patrio- 
tischen Dichters, der sein Vaterland über alles liebt 
und für dessen Ehre und Unabhängigkeit einsteht 



vId 44 Q> 

gegen alle Feinde, die es bedrohen, zunächst gegen 
Rom und sein verlogenes Papstthum. 

Es waren schwere Zeiten, denen Walther die 
Donau aufwärts entgegenritt, Zeiten, in welchen in 
dem erbitterten Kampfe um die deutsche Königskrone, 
der nach dem Tode Heinrichs VI. zwischen Philipp 
von 'Schwaben und Otto von Braunschweig ausge- 
brochen war, die politische Machtstellung Deutsch- 
lands erschüttert und dessen sittliche und materielle 
Kraft vergeudet wurde. Auf einem Felsen, von Gras 
und Blumen umrankt, finden wir den Dichter, sinnend 
d«.s Haupt in die eine Hand gestützt; war ihm doch 
bei seinem Ritte durch das deutsche Land sofort 
Eines klar geworden, dass es daselbst schlimm stand 
um die heilige, segensreiche Ordnung. Zunächst vom 
einzelnen Menschen ausgehend, durch dessen Wohl 
das Wohl der Gesammtheit bedingt ist, beklagt er, 
dass derselbe in so gesetzloser Zeit unmöglich drei 
Dinge in würdigem Vereine erreichen könne: Ehre, 
zeitlich Gut und Gottes Segen. Denn wie kann der 
wahrhaft Fromme sein Gut vermehren, wenn es freche 
Räuberhand betastet, ocfer wer kann nach Ehre stre- 
ben, wenn man um Ehre willen sein reines Gewissen 
opfert, und wiederum kümmern sich diejenigen, die 
nach fahrendem Gute trachten, weder um Gott noch 
um das Heil der Seele. 

Ich sass auf einem Steine 
Und kreuzte Bein mit Beine, 
Darauf der Ellenbogen stand; 
Es schmiegte sich in eine Hafid 
Das Kinn und eine Wange. 
So sann ich tief und bange 
Wohl über Welt und Leben nach, 
Und kein Gedanke wurde wach, 



■ —^ 45 <^- - 

fVü man drei Dinge würbe, 
Dass keifies nicht verdürbe. 
Ich meine Ehre utid Gewinn, 
Die sich befehden mit hartem Sinn, 
Dann Gottes Gnade, im Vergleich 
Zu ihnen Werthes überreich. 



Die woilf ich gern in einen Schrein. 
Vergeblich, ach! Es kann nicht sein, 
Dass je Gewinn und Gotteshuld 
Und weltlich Ehre ohne Schuld 
Im Herzen sich verbinden. 
Kein Pfad ist zu ergründen, 
Der dahin führt. Im Hinterhalt 
Untreue lauert und Gewalt 
Verwundet Recht und Frieden. 
Und kranken die hienieden, 
Stehn Ehre, Gut und Gottessegen 
Des Schutzes bar auf allen Wegen. 



Vor Walther lag eine sturmvoUe Zeit. Sie brauchte 
den Sänger mit eiserner Fied«l und stählerner Brust. 
Klage an Klage entströmt ihm, da er zum Rheinstrom 
fehrt. Wohin er das Auge wendet, sieht er nur trost- 
losen Zustand der Welt. 



Die Ehre ist von ihr genommen 
Und keine Freude will uns kommen, 
Der man so herrlich einstens pflag. 
Wird milden Herzen so vergolten? 
Man stellt voran die reichen Kargen; 
O Welt, wie sehr liegst du im Argen, 
Dass ich es nimmer schildern mag! 
Wahrheit uftd Treue sind gescholten, 
Die Ehre trifft der Todesschlag. 



Zucht und Ehre aber giengen Walthem über alles. 
Um Eines, das da heisset Ehre, Hess ich viel Dinge 
unterwegen, war seine Devise. Wehe dem, der nur 
nach sündhaftem Gute strebt. Ein weiser Mann gäbe 
um Gottes Huld und Mannes Ehre Leben, Weib und 
Kinder hin, und derjenige, dessen Herz so sehr am 
Golde hange, dass er jene beiden ausseracht lasse, 
habe Gottes Lohn schon auf Erden voraus genommen. 
Nicht als ob das Gold zu verachten wäre! Wie in Be- 
zug auf Minne, müsse man auch hier Frau Masse zu 
Rathe ziehen, denn, ruft er der Jugend zu: 

Zu sehr arm und zu sehr reich 
Schaden beide dir zugleich. 

Doch der lebenskluge Sänger redet in den Wind. 
Die Jungen sind ohne Zucht und Sitte, und wenn 
Walther in dem reizenden Kinderspruche: 

Niemand kann mit Streichen 
Kindeszucht erreichen. 
Wer zu Ehren kommen mag, 
Dem gilt Wort soviel als Schlag, 

%Dem gilt Wort soviel als Schlag, 
Der zu Ehren kommen mag, 
Kindeszucht erreichen 
Niemand kann mit Streichen — < 

SchfTiM. 

gegen die Prügelstrafe zu Felde zieht, so hat er doch 
einen viel zu tiefen Blick in die Seele des Kindes 
gethan, um nicht zu wissen, wie ein krummes Zweig- 
lein gebogen werden müsse, daher denn so mancher 
Vater' 



— <p 47 Q> 

Salomons Lehre 

vom Besen beherzigen und der Ruthe nicht allzu gram 
sein möge : 

Vom Vater wird das Kind erzogen, 
Dass Kind und Vater sind betrogen. 
O hört den weisen Salomon: 

Ein Vater, der die Ruthe spart, 
Erzieht das Kind zu böser Art, 
Zu nichts taugt ein verzog 'ner Sohn. 

Wie war die Welt einst wohlgethanl 
Nun aber höhnt und spottet man: 
Die guten Zeiten sind verblüht, 
Die Alten werden weggezwungen. 
Ja, spottet, spottet nur der Greise \ 
Euch wird's ergehn in gleicher Weise, 
Sobald die yugend euch entflieht. 
Dann spotten euch die eignen Jungen — 
Und mehr noch weiss ich, wcts geschieht. 

Darf es uns wunder nehmen, wenn unter solchen 
Umständen die Zuchtlosigkeit der Jugend von Tag 
zu Tage wuchs ? Die jungen Ritter haben den *Saal 
der Ehre verlassen, und statt höfischer Sitte zu pflegen, 
führen sie schamlose Zungen und verhöhnen die Frauen. 
Vergebens wendet sich Walther an Gott, die Zahl der 
Zuchtlosen zu vermindern, welche masslosem Ueber- 
muthe fröhnen und nicht bedenken, dass wir alle nur 
Kinder eines Vaters sind, vor dem jede Schranke ein- 
bricht, die confessionelle und sociale Beschränktheit 
gezogen haben. 



Allvater. 

Wer deine zehn Gebote sagt 
Und dennoch sie zu brechen wagt, 
Hat wahre Liebe nicht empfunden. 

So mancher » Vater unsere spricht 
Und kennt in mir den Bruder nicht; 
O starkes Wort, wie schivach bist du empfunden! 

Aus gleichem Stoff sind wir entsprossen 
Und gleiche Frucht ist's, die genossen 
Uns allen Lebenskraft gewährt. 
Wer kann den Herrn vom Knechte scheiden, 
Sieht er ihr bleichendes Gebein, 
Und mochten sie ihm Freunde sein, 
Wann Würmer schon ihr Fleisch verzehrt? 
Dem dienen Juden, Christen, Heiden, 
Der alles wunderbar ernährt. 

So predigt ein Dichter des Mittelalters, ein Vor- 
läufer der Humanitäts- und Toleranzideen des 1 8. Jahr- 
hunderts, und das Bild, das er von dem sittlichen 
Zustande seines Volkes entwirft, findet in den Berichten 
der zeitgenössischen Chronisten nur zu traurige Bestäti- 
gung; denn seit Heinrich VI. zu Messina 

»/« der Blüthe seiner Jahre, 
Auf der Höhe seiner Weltmacht 
Hingerafft ward von dem Stärkern, 
Der allein ihn zwingen konnte, 
Wer von den Lebend'gen hatte 
Kraft genug, des Reiches Zügel, 
Die dem Mächtigsten von allen. 
Die sie je geführt, entsunken, 
Jetzo in die Hand zu nehmen P^i^ 

Wolf, * Tannhäuser*. 



<o 49 Q> 

Gegenüber diesen Zuständen weiä^ Wälther nur e i n 
Mittel der Rettung: es ist »ein starkes Recht auf 
starkem Throne«. Deshalb richtet er seinen Aufruf 
an das deutsche Volk und bittet dasselbe, alle jene 
Schwächlinge, die um die Krone werben, zurück zu 
weisen und nur einen — Philipp von Schwaben — zum 
König zu wählen. 

Ein vortrefflicher Lehrmeister, führt er ihm in 
einem sinnlich anschaulichen Bilde die belebte Natur 
vor, in der im Grossen wie im Kleinen der Kampf 
um das Dasein herrscht, der sich jedoch innerhalb der 
Schranken eines weisen Gesetzes bewegt, nämlich des 
Gesetzes der Erhaltung, nach welchem aus der ster- 
benden Pflanze des Herbstes im Frühling neue Blätter 
und Blüthen sich erzeugen und welches das vernunftlose 
Thier instinctmässig zwingt, einen geregelten Haushalt 
zu bilden. 



Aufruf. 

Sass jüngst an des Stromes Wogen, 
Fischlein auf und nieder zogen, 
Ringsum Wiese, Wald und Au, 
Ueber mir das tiefste Blau. 
Und was fliegt in hohen Lüften, 
Und was kriecht aus dunklen Grüften, 
Und was schwimmen muss und gehn, 
Sah ich, und ich muss gestehn: 
Alle lieben Kampf ess türm, 
Fisch und Vogel, Wild und Wurm. 
Doch in Einem sittd sie alle 
Gleichen Sinnes: vor dem Falle 
Schirme nur ein starkes Recht 
Und ein König sei und Knecht l 



<0 50 Q> 

Arpn'S Deutschlandl Schon beschämen 
Dich die Mückefi, denn sie nehmen 
Einen König sich zum Herrn; 
Und die Zeit ist nimmer fern : 
Deine Ehre wird zertrümmert ; 
Ei, wie stolz der Goldreif flimmert 
Auf dem Haupt der kleinen Fürsten, 
Die flach höchster Krone dürsten! 
Welch ein Drängen und ein Werben l 
Deutschland, steure dem Verderben 
Und nur Einem, Friedrichs Sohne, 
Gib den Waisen in der Krone l 

Wie jauchzte endlich Walther auf, als die Stadt 
vor seinen Augen lag, welche schon einmal in leuch- 
tenden Farben vor seine jugendliche Phantasie getreten 
war. Mit ihm wogten Tausende nach Mainz, um Zeu- 
gen jenes Tages zu sein, an dem der Waise, d. i. der 
verwaiste, kostbareinzige Edelstein der königlichen 
Krone, den Scheitel Philipps zieren sollte. So war 
Walthers Aufruf nicht in den Wind gesprochen. Zwar 
empfieng auch Otto in Aachen feierlich die Königs- 
krone, aber die echte und rechte Krone kam doch 
auf Philipps Haupt. Wie gut sie ihm sass, als wäre 
sie eigens für ihn geschmiedet worden! Hören wir 
den hochschwebenden Jubel auf 



Philipps Krönung. 

O Wunder, seht, wie jene alte Krone, 
Die Kaiser Karl trug auf gold'nem Throne, 
Der Goldschmied schuf. Welch königliche Zierde! 

Dem Haupte Philipps schmieget sie sich an, 
Dass nur Verrath die beiden trennen kann. 
Eins gibt dem andern erst die volle Würde, 



— ^ 51 ^ — 

Sü leuchten sich einander an, 
Die Edelsteine wtd der junge Mann, 
Den Fürsten niuss das Augenweide sein! 
Wer suchend noch nach einem König irrt, 
Seh\ wie der Waise seinen Scheitel ziert: 
Ein Leitstern sei den Fürsten dieser Stein! 



Gewiss ein reizendes Bild, welches der Dichter 
von seinem Könige entwirft. Auf der einen Seite 
sehen wir Otto den Weifen, einen jungen Recken von 
riesiger Gestalt, aufgewachsen in den blutigen Fehden 
eines Landes, wo ein Bertran de Born die Saiten 
schlug, der 

^mit Schwert und Liedern 
Aufruhr trug von Ort zu Ort^; 

auf der andern Philipp, ein echtes Staufenkind, blond- 
gelockt, mit sanftem Antlitz, massvoll gewachsen, zart, 
nicht schwächlich. Wer den frommen Jüngling sah, 
wie er im Dom unter armen Chorknaben sass und die 
Hände faltend davidische Psalmen sang, dem brauchte 
man . nicht zu sagen , wie mild dieser König dachte 
und wie leutselig er unter den Menschen gieng; und da 
er ausserdem ein Land seine Heimat nannte, 



^wo einst so hell vom Staufen die Ritterharfe klang <t^, 

liebte er auch Saite und Gesang und nahm Walther 
in solchen Ehren auf, dass der Sänger in jauchzende 
Töne des Dankes ausbricht. Einst trat er auf, das 
Haupt bis an die Kniee senkend, 



Nun hat's erhöht mein neugewordner Rang, 
Auf Philipps Herd das Feuer für mich brennt, 
Des Reiches Krone ihren Freund mich nennt. 
Zum Tanze auf, ich will euch etwas geigen! 
Die Noth verschwand, bequem und ruhig kann 
Ich wieder wandeln als ein froher Mann 
Und meine Lust wird Jioch und höher steigen. 

Bei König Philipp verweilte Walther vom Herbst 

1198 bis Weihnacht 1199, mit ihm das bewegte Leben 
theilend, das der König bei seinen Kriegsfahrten gegen 
Otto führte. So finden wir ihn auch bei jenem glanz- 
vollen Hoftage zu Magdeburg, mit dem der König am 
heiligen Christfest den siegreichen Feldzug des Jahres 

1199 schloss. Gemessenen Schrittes, wie es dem König 
geziemt, zog Philipp in den Dom. Ihm voran, das 
Reichsschwert tragend, Bernhard von Sachsen; ihnen 
nach die hochgeborne Königin Irene, die Tochter des 
griechischen Kaisers Isaak, der man in Deutschland 
ob ihres zarten, jungfräulichen Wesens den ehrenden 
Namen der Mutter Gottes beigelegt hatte; sodann 
folgten Jutta, die Herzogin von Sachsen, ferner die 
Aebtissin von Quedlinburg und viele andere hohe 
Frauen; Bischöfe, Fürsten, Grafen und Herren aus 
Thüringen und Sachsen schlössen den Zug. In einem 
reizenden Gemälde, das einem altchristlichen Mosaik- 
gemälde auf Goldgrunde gleicht, führt ihn Walther im 



Magdeburger Weihnachtsfest 



An jenem Tag, als Christus ward geboren 
Von einer Maid, die er zur Mutter sich erkoren, 
Gieng König Philipp in des Domes Hallen 



<p 53 °> 

Zu Magdeburg mit Seepter und mit Krön', 
Drei Würden einend: eines Kaisert $ohn 
Und Bruder und ein König selbst vor allen. 

Wie königlich gemessen war sein Schritt] 
Es zog die edle Königin auch mit, 
Maria, eine Taube ohne Galle 
Und Rose ohne Domen. Welche Zier! 
Die Thüringer und Sachsen dienten hier, 
Wie jubelten die weisen Männer alle! 

Zu Magdeburg nahm Walther von König Philipp 
Abschied ; es rief ihn zu Leopolds Schwertleitfest nach 
Wien. 



^•«(•••^•••5M**^**<UIO*J<>***il*.**4***it***S***9***Jt***t*J**J> 



Leopolds Schwertleite. 

Es wirbeln die Lerchen und lustig dampft 

In rauchenden Nebeln das Feld, 
Und das Rösslein schon wiehernd die Erde stampft, 

O hinaus, hinaus in die Welt ! 
Wo ist meine Fiedel? O gebt sie geschwind 

Und fraget nicht lange : wohin ? 
Es zieht mich mit Welle und Wolke und Wind 

Nach dem wonnigen Hofe in Wien. 



Und hab' ich dir auch, da ich finster und bleich 

Hinwegritt, im Herzen gegrollt, 
Ich liebe dich dennoch, mein Oesterreich, 

Und den ruhmvollen Leopold. 
Sie umgürten ihn jetzt mit dem heiligen Schwert, 

Es geht ein Jubel durchs Land — 
O, der so viel Blumen und Blüthen gewährt. 

Hat ein Blättchen für mich auch zur Handl 



Es war an einem Pfingsttage des Jahres 1200, 
als Leopold der Glorreiche mit dem Ritterschwert 
umgürtet wurde und Wien abermals Zeuge einer jener 
rauschenden Festlichkeiten war, welche zu allen Zeiten 



55 



die lustige Stadt an der Donau verherrlichet haben 
und noch verherrlichen. Mochte nun auch unseren 
•Sänger, der durch volle zwei Jahre im deutschen 
Lande war und dasselbe nach allen Richtungen durch- 
kreuzt hatte, ein gewisses Heimweh nach seinem Wien 
befallen , wie es den Wandervogel immer und immer 
wieder nach dem Neste zieht, so trug nicht minder die 
berechtigte Hoffnung, dass an solchen Tagen, welche 
Fürsten durch reiche Gaben zu verherrlichen pflegen, 
auch ihm aus dem Füllhorn der Gnade zutheil werde, 
nicht wenig dazu bei, dass Walther den Hof des 
staufischen Königs verliess und noch in kalter Winter- 
zeit nach Oesterreich aufbrach. Zwar eilte er nicht 
directe hin , sondern einem schon lang gehegten 
Wunsche Folge gebend, lenkte er sein Rösslein seit- 
wärts nach dem Thüringerland und ritt am Hörsei- 
berge , in dessen Schoss die Königin der Minne, 
Frau Venus, ihren Thronstuhl hatte, vorüber, der ge- 
priesenen Wartburg zu ; wusste er doch, dass sich hier 
jedem fahrenden Sänger durch die Milde des Land- 
grafen ein trauliches Heim erschloss. 

Doch dass das Drängen und Treiben der fahren- 
den Sänger, die da wie zu einem Wirthshaus an breiter 
Heeresstrasse kamen und giengen, ein solches war, 
dass einem geradezu Hören und Sehen vergieng und 
in der tollen Menge selbst ein Vogelweide nicht ge- 
hört werden konnte, das liess sich Walther allerdings 
nicht träumen, und so verliess er alsbald die Wart- 
burg, zwar nicht mit dem Vorsatze, nimmer zu kehren, 
aber mit dem Wunsche, dass es stiller geworden sei, 
wenn er wieder komme, ohne zugleich des Land- 
grafen in einem Spruche zu vergessen, den er der 



-■ io 56 Q> 

Wartburg 



weihte. 



/st krank dein Ohr, so folge meinem Rath 
Und wähle nicht zur Wartburg deinen Pfad, 
Es sei denn, Freund, dich reizen taube Ohren. 

Auch ich kam hin und hab' es weit gebracht: 
Der Sänger Schaaren fluthcn Tag ufid Nacht, 
Und hört man dich, bist du zum Glück .geboren. 

Landgraf, ich preise deine Art! 
Mit Hab' und Gut hast du noch nie gespart 
Und stolze Recken nennst du deine Zecher. 
Wem ist nicht deine hohe Sitte kund ? 
Und kaufte man den Wein um tausend Pfund, 
Vor keinem Ritter stünde leer der Bechert * 



In blühender Maienzeit betrat Walther abermals 
den österreichischen Boden. Mit ilim zogen Hunderte 
von Menschen zu Wasser und zu Land dem Wiener 
Hofe zu, in freudiger Erwartung dessen, was da kom- 
men sollte. Auch Walther gab sich n\it ganzer Seele 
dieser zuversichtlichen Festlust hin und begrüsste, wenn . 
auch mit pochendem Herzen, den ihm wohlbekannten 
alten Kreis. Doch nicht mit leeren Händen war ,er 
gekommen, er brachte vielmehr eines seiner schönsten 
Lieder als poetische Festgabe mit, welches nicht, nur 
auf den Lippen aller seiner Zeitgenossen lebte, söndetj^ 
auch in unseren Tagen als ein Kleinod vaterländischer 
Dichtung gepriesen wird, in der That würdig genug, 
um überall , wo von der Elbe bis zum ^ Rhein nnd 
zurück bis zu dem Ungarland -und darüber , "hinaus 
deutsche Herzen schlagen, gesagt und gesungen zu 
werden. 



Deutschlands Lob. 

Sagen sollt ihr: Sei willkommen l 
Neues bringt mein Sang. 

Was ihr einst durch mich verttommen, 
War nur eitel Klang. 

Doch wer singt, lüill auch Geschenke^. 
Dem, der guten Lohn nicht scheut, 
Sing' ich, was sein Herz erfreut: 

Sehet, wie man mich bedenke l 

Euch vor allen, deutsche Frauen, 
Will ich eine Kunde sagen, 

Dass ihr allen Erdengauen 
.Um so besser sollt behagen. 

Und zum Lohn? Ich bin bescheiden; 
Wer bin ich und wer seid ihr? 
Wenn ich grüsse, danket mir, 

'Und das macht mir tausend Freuden. 

'Reich an ^Ländern ist die Erde, 
. Deren k^ste ich gcscKaut ; 

• • Dffch vor ihnen ist das werthe 
\yaterland mir lieb und traut. 
' *■ » ^eJü auf mich mit tiefstem Hohne, 
rJ^üp^et.Je des Athems Hauch, 
D^iss ifh liebe fremden Brauch : 

*. Deutscher Zucht gebürt die Krone l 

» _ • 

■ ' Von der Elbe bis zum Rhein 
Und zurück, zum Ungarland 
Mögen wohl die Besten sein, 
► Die ich auf der Erde fand. 

Weiss ich Bildung zu verstehn 
' Und was Schönheit ist, fürwahr: 
Nirgends hab' ic7i eine Schaar 

Sehön'rer Frau'n als hie^ gesehn. 



<o S8 «^ 

Züchtig ist der deutsche Mann, 
Deutsche Frau'n wie Engel rein, 

Und wer anders sprechen kann, 
Der muss wohl von Sinnen sein. 

Heilige Minne, hohes Streben 
Und tief innerstes Gemüth 
Nur auf deutscher Erde blüht: 

MöchV ich lange auf ihr leben l 



Das Lied hat gezündet. Man empfieng den einstigen 
Liebling mit wohlthuender Wärme und auch der Herzog 
Hess ihn in seiner festlich gehobenen Stimmung nichts 
von einstens entgelten; er entfaltete vielmehr allen 
Gästen und auch Walthern gegenüber eine solche Milde, 
dass der Dichter in jubelnde Töne über- 



Leopolds Schwertleite 

ausbricht. 

Ob jemand sprechen kann, er habe 
Noch mehr und herrlichere Gabe 
Als bei dem Wiener Schwertleitfest empfangen? 

Man sah den jungen Fürsten geben, 
Als wollte er nicht länger leben; 
Mit Geld und Gut, wie konnte jeder prangen l 

Man schenkte nicht bei dreissig Pfunden; 
Als hätte man es nur gefunden, 
So gab man Silber und Gewand. 
Auch hiess der Fürst in seiner Ueberhuld 
Für fahrende Sänger Stall und Säcke leeren; 
Ich sage euch, als ob es Lämmer wären. 
So führte man die Rosse aus dem Land. 
Und niemand zahlte eine alte Schuld — 
Das luar ein Sinn, den ich nur riihmiick fand. 



59 



Schon mochte Walther hoffen, dass der milde Her- 
zog ihm einen Wunsch erfülle, der sich, als das Fest 
verrauscht und das fahrende Volk zerstoben war, aufs 
neue seiner bemächtigt hatte : es ist der Wunsch dauern- 
der Aufnahme am Wiener Hof. O, ruft Wahher aus, 



Drei Sorgen 

sind es, die mich grämen. 
O möchte man mir eine nehmen. 
Wie stund' es gut mit meinen Dingen] 

Und dennoch will ich, dass sich keine 
Loslöse von dem Dreivereine: 
Es muss mit allen mir gelingen l 

Ich sorge um der Herrin Minne, 
Dann, dass ich Gottes Huld gewinne 
Und, der mich gemieden so manchen Tag, 
Den wonniglichen Hof zu Wien, 
Nach ihm nur wendet sich mein Sinn, 
Da er beständiger Tugend pflag. 
Es flog von Leopolds Hand nur hin. 
Wie Blüthen über den Maienhag, 



Das treue Herz! So hatte er die Herrin noch 
immer nicht vergessen, da er ihren Besitz unter die 
drei sorgenden Wünsche zählte. Aber die Liebe der 
Dame sollte ihn ebensowenig beglücken, als der won- 
nigliche Hof ZU' Wien. Natürlich, sie war ja von jün- 
geren Fanten umschwärmt und wusste, wenn sie auch 
schon in jenen Jahren stand , wo das Weib auf der 
bedenklichen Höhe ihrer Blüthe angelangt ist, Kunst 
und Natur noch immer in so reizender Weise zu ver- 
einen, dass jsie auch jüngere Herzen, als das eines 
ernsten, ratsonnirenden vierzigjährigen Mannes in Auf- 



<o 60 a> 

Wallung brachte. Auch der Wunsch, den Wiener Hof 
dauernd zu verdienen, erfüllte sich nicht. Walther hatte 
in seinen sanguinischen Hoffnungen der alten Wider- 
sacher und Neider vergessen, die an das Spiel der 
Intrigue zu sehr gewöhnt waren, als dass sie es auch 
jetzt gegen den ruhmvollen Dichter hätten lassen 
können. So verliess Walther mit bekümmertem Herzen 
den Wiener Hof, um ihn mit der Wartburg zu ver- 
tauschen; zugleich aber sagte sich der vierzigjährige 
Mann von der falschen Liebe los und gab den undank- 
baren Dienst eines Minnevasallen auf. 



Frau Minne. 

Minne, die hat einen Brauch, 
Wenn sie den vermeiden wollte, 
Stünde besser ihr fürwahr; 
Damit kränkt sie manchen auch, 
Den sie niemals kränken sollte: 
Ihr sind vierundzwanzig Jahr' 
Lieber, denn ihr vierzig sind; 
Und wie mitleidsvoll sie thut, 
Sieht sie irgendwo erblühn 
Ein verfrühtes graues Haar. 

Minne war mir einst so gut, 
Dass sie jede Heimlichkeit 
Mir vertraute; aber jetzt — 
Wenn ein junges frisches Blut 
Sie umbuhlt, tuie von der Seit' 
Sie mich ansieht, was verletzt! 
Armes Weib, was müKt sie sich? 
Weiss Gott, wenn sie .sich auch schminkt 
Und TTioren trügt, so ist sie doch 
Vieles älter noch ah üh. 



^O 6l Q> 

Minne pflegt nun solchen Ton, 
Dass sie mir mit Thoren geht, 
Hüpfend wie ein kleines Kind; 
Ihr Verstand ist wie entflohn. 
Woran denkt die Närrin? Seht, 
Sie ist denn doch gar zu blind! 
Lasse sie ihr Rauschen sein, 
Sei sie ein verständig IVeib! 
Wenn so springend sie sich stösst, 
Flösst sie mir Erbarmen ein. 

Minne, nehm' sie* s freundlich hin. 
Wenn ich, während sie so ringt. 
Ruhig sitze in dem Gras; 
Ich hab' also hohen Sinn, 
Dass es in mir jauchzt und springt. 
Weh, sie will noch mehr als das? 
Ei, ich diene, wie ich mag; 
Mag sie sorgen, wie man ihr 
In der Woche dient! Von mir 
Hat sie nur den siebten Tag. 



Auf der Wartburg. 

Wartburg sei gegrüsst! O schwenket 

Eure Hüte hoch empor, 
Ehe ihr die Schritte lenket 

Nach der Veste dunklem Thor, 
Die umweht ein sanft Erinnern 

An die süssromantische Zeit, • 
Da es klang aus tiefstem Innern 

Von der Liebe Lust und Leid. 

Wieder auf verschlung'nen Pfaden 

Sprengt der Rittersängerchor 
Hochgemuth und leichtbeladen 

Nach der Felsenburg empor. 
Hei, wie die Trompeten klingen: 

Wolfram kommt von Eschenbach, 
Reinmar, der von Ofterdingen, 

Biterolf und Klinsor nach. 

Und im schönsten Sonntagskleide 

Prangt der Himmel, denn es zieht 
Walther von der Vogelweide 

Als der Bannerträger mit; 
Und er Hess die stolzen Weisen 

Tönen durch des Abends Gold: 
Mag auch Ofterdingen preisen 

Den von Oestreich Leopold — 



Doch du bist mir, was die Sonne, 

Wartburg, vor den Sternen ist, 
Und ich rufe voller Wonne: 

Edler Landgraf sei gegrüsst! 
Walther sang es, und es rauschten 

Seine Saiten hell und voll, 
Dass begeistert alle lauschten 

Und ihr Herz in Freude schwoll. 



Doch der edle Landgraf nickte 

Lächelnd zu dem holden Lied 
Und sein mildes Auge blickte 

Auf den Sänger lusterglüht. 
Ei, wer hat dich Vielgereister, 

Sprach er, solche Kunst gelehrt? 
Sei willkommen denn, o Meister 

Des Gesangs, an meinem Herd! 



Und es bot der Fürst dem Sänger 

Seine gnadenreiche Hand, 
Dass der Fahrende nicht länger 

Wie ein Bettler zieh' durchs Land, 
Und Herr Walther nahm die Rechte : 

Hei, das war die beste Fahrt! 
Deine Freundschaft ist die echte, 

Landgraf, du bist edler Art. 



Die Stadt Eisenach mit dem mehr und mehr sich 
emporhebenden grünenden Gelände im Hintergrunde, 
steigt man allmählich auf ziemlich steilem Pfade 
zu jenem Berg hinan, bei dessen Anblick Ludwig 
der Springer einst begeistert ausgerufen haben soll: 
»Wart Berg, du sollst mir eine Burg werden,« und 
alsbald wurde zu jenem Baue Hand angelegt, zu dem 



64 



Thüringen und mit ihm ganz Deutschland noch jetzt 
mit Stolz und Freude emporblicken, von dem Fr. Wolff 
in seinem »Tannhäuser« rühmend singt: 

>Ein Waldeskleinod im Thüringerland, 
Blinkt wie ein Helm, von Eichen umlaubt, 
Mit zinneng ekrörUem Mauerband 
Die Wartburg von des Berges Haupt. 
Palas ufid Thürme, felsengetragen, 
Der steile Wald und das dunkle Thor, 
Die Giebel und die Söller ragen 
Ueber detn grünen Latibe empor. 
Weit sichtbar von erhöhtem Stand 
Funkelt's wie lichter Schildesrand, 
Wenn abends in der Fenster Reihn 
Goldroth sich spiegelt der Sonne Schein.* 

Diese Burg war es nun, die in demselben Lande, 
wo 600 Jahre später unter fürstlicher Aegide zwei 
Dioskuren den Kranz der Unsterblichkeit errungen 
hatten, als eine Pflegestätte höfischen Gesanges weit- 
hin gepriesen wurde und in welcher Landgraf Herr- 
mann von Thüringen ein gleich milder Gönner für 
Walther und Wolfram war, wie später Karl August 
für Göthe und Schiller. Obwohl 

'S» gefürchtet im deutschen Reich 
Als unabhängig und stark zugleich^, 

war doch Landgraf Herrmann ein Freund der Sänger, 

^der für und für 
Ihnen geöffnet hielt Thor U7td Thür, 
Freigebig verschwendeftd über die Massen, 
Dass seiner Huld sie nimmer vergassen<&. 



6s 



Auf der Wartburg war es, wo Heinrich von Veldeke 
seine Äneide sang und das erste Reis in unsre deutschen 
Liederzungen impfte, 

Daraus Blumen sprossen reihenweis; 

hier hatte Herbort von Fritzlar aus dem Born grie- 
chischer Heldensage getrunken und das Lied von Troja 
gedichtet, hier ein Albrecht von Halberstadt sich für 
Ovid begeistert und dessen Verwandlungen in deutsche 
Rede umgegossen, und ausser ihnen sang und klang es 

-»Noch von vielen aus deutschen Landen, 
Gar hoch versippt mit altem Geschlecht, 
Die sich auf Strophenbau verstanden, 
Wie auf Turnier und Fehderecht ;< 



denn 



T^Es regnete Spenden und gute Tage, 
Bald klang die Harfe, bald krachte der Speer, 
Es drängten sich Feste und hohe Gelage, 
Und niemals wurden die Becher leeret. 



Auf der Wartburg finden wir nun Walther vom 
Beginne des neuen Jahrhunderts fast über ein Decen- 
nium wie an heimischer Stätte, und sie entlockte ihm 
nicht nur Sprüche ernsten politischen Inhaltes, sondern 
auch Frau Minne schmeichelte sich wieder an ihn 
heran und schlug die Saiten. Zunächst verdanken wir 
dem Wartburger Aufenthalte Walthers »Tagelied«. In 
diesem finden wir ein schönes Zeugnis von dem an- 
regenden Einflüsse, welchen der tiefsinnige Dichter 
des »Parzival« auf seinen Sangesgenossen genommen 
hatte. Ist doch Wolfram der Meister jener eigenthüm- 



<& 66 cj> 

liehen Dichtungsgattung, die von der Provence aus- 
gehend frühzeitig in Deutschland Aufnahme gefunden 
hatte. Zwei Liebende schlafen in nächtlicher Kemenate ; 
da verkündet der Wächter den Anbruch des Morgens ; 
sie müssen scheiden. 



Taglied- 

Im Arm der Herrin kosend lag 
Ein schmucker Ritter; sieh, da brach 
Durch Wolken lichter Morgenschein, 
Die Herrin rief: *0 weh dir. Tagt 
Du nimmst mir den Geliebten, ach! 
Die Liebe schafft nur Herzenspein.a 

O liebe Herrin, klage nicht! 
Uns beiden frofnmt es, geh ich fort; 
Schon leuchtet hell der Morgenstern. 
»O schweige, Freuttd, denn mir zerbricht 
Das Herz vor Leid bei diesem Wort! 
Was eilest du? Der Tag ist fern! in 

Ich bleibe denn. Doch sage schnell, 
Was du zu sagen hast, dass wir 
Die Späher täuschen wie bisher. 
» O bleib nicht lange, mein Gesell, 
Denn so du ferne bist von mir, 
Ist mir das Herz so bang, so schwer.^ 

Ich^ komme, so ich kommen kann, 
Und trennt mich nur ein Tag von dir, 
Ich denke dein viel tausendmal! 
» O bleibe treu, mein liebster Mann, 
Und komme bald, ach bald zu mir! 
O weh, es kommt der Sonne Strahl. </• 



IVas helfen mir nwi Blumen rotfC, 
Sie sind mir, da ich scheiden muss, 
Was Schnee und Eis den Vöglein ist. 
>Du thatest nie so wohl, o Gott! 
O liebster Mann, noch einen Kuss, 
Eh* du mir fem auf lange bist /« 

Nun ist es Zeit, Der Wächter grüsst: 
Wacht auf! Wacht auf! So lebe wohl! 
Ob deiner Ehr' muss ich von hier. 
-»O wüsstest du, wie schwer mir ist, 
Dass ich von dir nun lassen soll; 
Geliebter Mann, Gott sei mit dir!* 

Der Ritter trauertid von ihr schied, 
Sie aber sah ihm weinend nach; 
Da rief er noch: Ich denke dein. 
»ö weh,*k sprcu:h sie, "»dir, Tagelied! 
So oft du tönst, so findest, ach ! 
Du mich in Thränen und allein !f^ 



Obwohl schon manch Silberfaden das Haar des 
Dichters durchrankt, so stimmt er doch im Dienste 
einer neuen Herrin Liebesweisen an: 



Ein neuer Sommer, eine neue Zeit, 
Ein süsses Hoffen, ein lieber Wahn 

Gef edlen mir im Wechselstreit, 
Weil ich noch Liebes hoffen kann. 

Mehr ais der Vöglein Frühlingslied 
Gefällt mir Eines, das ich weiss: 

Dass, wer für Frauenschönheit glüht, 
Auch erntet ihrer Liebe Preis. 

5* 



<0 6S Q> — 

Die Anmuih Weibes Schönheit schmückt 
Mehr als das Gold der Edelstein, 

Und so noch Tugend sie beglückt, 
O sagt, was kann wohl Schön' res sein? 

Und du, geliebte Herrin, bist 
Anmuthig, schön und tugendhaft; 

Min Kranz von Blumen dir erspriesst, 
Der vollen Werth dem Manne schafft. 

ya, wer die süsse Liebesbürde 
Um solch ein Weib versteht zu tragen, 

Gewinnt des Mannes echte Würde 
Und kann von Herzensfreude sagen. 



Da nur Frauenliebe das Herz erfreut, so sucht 
Walther dieselbe bei seiner Herrin zu finden. So oft 
er die Augen nach ihr aussendet, kommen sie mit 
freudenvoller Botschaft zurück. Aber es sind nicht die 
leiblichen Augen, sondern 



Die Augen des Herzens, 

mit welchen er sie erblickt. Heil ihm', wenn auch sie 
ihn mit geistigem Auge ersieht! 



Sommer und Winter, beide sind 
Des Mannes Trost, der Trost begehrt. 

In Freude ist nur der ein Kind, 
Dem Liebe nie ein Weib gewährt. 

Mannesmund die Frauen preist. 

Doch die herrlichsten zumeist. 



Da Liebe Manneswerth verleiht. 
Ersehnt sich Liebe nur mein Herz 

Von ihr, die ich zu jeder Zeit 
Als Beste rühmte allerwärts; 

So oft sie sah des Herzens Blick, 

Kam frohe Kunde mir zurück. 

Es ist doch wundersam, ich sah 
Sie lange nicht, wie es geschieht, 

Sind ihr des Herzens Augen nah, 
Dass man sie ohne Augen sieht. 

Wie kann das Wunder wohl geschehn, 

Sie ohne Augen stets zu sehn? 

Lhr fragt, wer sind die Augen dein, 
Dass du sie schaust durch alles Land? 

Das sind die Gedanken des Herzens mein, 
Die durch Mauer brechen und durch Wand. 

O Merker, wahrt sie noch so gut, 

Lch sehe sie trotz eurer Hut! 

Ob sie ivohl Je mich so beglückt, 
Dass sie mich ohne Augen schaut. 

Nur mit Gedanken mich erblickt. 
Vergeltend meine wundertraut? 
O lohne mir mit treuem Sinn, 

Der ich dir treu auf ewig bin! 

Wie in den Tagen der Jugend, sehnt sich Walther 
auch jetzt, 

Lhrem rothen Mund zu nahen 
Und sie liebend zu umfahen, 

und er, der einstens in banger Winterzeit lieber rohe 
Krebse essen oder Mönch zu Toberlu werden wollte, 
stimmt jetzt ein Lied zum 



Ap 70 q) - - 

Lob des Winters 

an, dem er freilich nun eine andere, bessere Seite 
abzugewinnen weiss: 

Wann von allem Weh befreit 
So ein Lieb beim andern ruht. 

Denen ist die Winterzeit 
Noch einmal so lieb und gut. 

Winter wie der Sommer — 
Beide bieten Wonnen viel, 
Dass ich sie lobpreisen will. 

Flüchtig ist der Wintertag, 
Doch die Nacht ist lang und warm, 

Glücklich, wer da ruhen mag 
In des Liebchens weichem Arm! 

Was hab' ich gesprochen? 
Weh mir, hätte ich geschwiegen! 
Werd' ich je so wonnig liegen? 

In dieses Sinnen und Minnen hinein fallt die Kunde 
von Reinmars Tod. Es sind zwei herrliche Kränze, 
die Walther auf das Grab der Nachtigall von Hagenau 
legt, wissen wir doch, dass sich die Freundschaft, 
welche Meister und Jilnger einstens verband, gelockert 
hatte. 

Klage um Reinmars Tod. 
I. 

O weh, dass Weisheit nicht und Tugend, 
Noch Mannesschönheit sich und Jugend 

Vererben, wird der Leib begraben. 
Ein weiser Mann beklagt es tief. 

Was wir, seit Reinmar uns entschlief, 
An edler Kunst verloren haben. 



^ 71 3>--- 

O möge reicher Lohn dir spri^ssen! 
Du liessest keinen Tag verßiessen, 
Der nicht von Frauenlob erklang; 
Und hättest du nur Eins gesungen: 
i>3o wohl dir Weib, dein Name reinU 
Dir wäre ewiger Dank erklungen, 
Und alle Frauen müssten dein 
Für jenen herrlichen Gesang 
In frommer Bitte stets gedenken : 
Es möge Gott dir Gnade schenken \ 

II. 
O Reinmar, ich beklage dich 
Viel mehr im Herzen, als du mich 
Beklagen luürdest, wäre ich gestorben. 

Und dennoch will ich's offen sagen: 
Dich selber wollt' ich minder klagen, 
Als deine Kunst, die mit dir ist verdorben! 

Wie konntest du durch deine Tone 
Die Welt erfreu'n; die ewig schöne. 
So du nur anders auch gedacht. 
O weh, dass sich dein süsser Mund, 
Da ich noch lebe, hat geschlossen, 
Statt dctss wir zwei im treuen Bund 
Gegangen wären als Genossen, 
Denn auch bei mir ist's bald vollbracht. 
So lebe wohl, wir sehn uns wieder. 
Und habe Dank für deine Lieder! 

Unterdessen liess aber Walther 

Auch seine Augen forschend ruhn 
Auf dieser Welt geheimstem Thun, 

und wie ein Prophet, vor dessen Blick die Vergan- 
genheit und Zukunft klar und offen liegen, 

Gieng er allem horchend und sinnend nach. 
Was jemand that, was jemand sprach. 



So durchschaute er denn auch das schmachvoll 
trügerische Spiel, welches Papst Innocenz III. mit der 
deutschen Königskrone spielte. Er, in dessen Macht 
es gelegen wäre, durch ehrliche Anerkennung des 
einen Gegenkönigs dem deutschen Reiche den ersehn- 
ten Frieden zu geben, gefiel sich in der Rolle eines 
zweideutigen F'riedensfürsten , welcher beide Gegner 
durch falsche Versprechungen in einer Weise hinzu- 
halten verstand, dass jeder von ihnen sich der päpst- 
lichen Gunst zu erfreuen glaubte, und schürte so 
hämisch lachend jenen unseligen Bürgerkrieg, der aus 
diesem doppelzüngigen Spiele erwachsen war. 

Zu Rom vernahm ich, wie man lügt, 
Zwei edle Könige beirügt; 
Darob entstand der grö'sste Streit, 
Den jemals focht die Christenheit, 
Da sah man sich entzweien 
Die Pfaffen und die Laien; 
Die Noth gieng über alle Noth, 
Denn Leib und Seele lagen todt. 

Zwar hatte Philipp von Schwaben einen siegreichen 
Feldzug gegen Otto und seinen Anhang geführt. Der 
Weife mit den Erzbischöfen von Köln und Trier im 
Bunde unterlag der staufischen Uebermacht: 

Die Pfaffen setzten sich zur Wehr, 
Der Laien waren dennoch mehr; 

nun aber griff Papst Innocenz zu einem viel wirk- 
sameren Gegenmittel. Sich offen für Otto erklärend, 
den König von Gottes und des Papstes Gnaden, bannte 
er den staufischen König als einem Geschlechte ent- 



<^ 73 «> 

stammend, welches von je die Kirche verfolgt habe, 
und entband die deutschen Unterthanen des Eide» 
der Treue: 

Das Schwert sie Hessen wiederum 
Und Mengen sich die Stola um 
Und bannten, wen sie wollten, 
Nicht, den sie bannen sollten: 

Otto von Braunschweig. Ein schweres Unheil brachte 
dieses Anathem. Schon war Ottos Anhang im Sinken 
gewesen; mit einemmale erhob er sich wieder. Auch 
der Landgraf von Thüringen, politisch einer Wetter- 
fahne gleich, die nach dem Winde streicht, der eben 
weht, verliess Philipps Sache und wandte sich Otto zu. 
Mit ihm der böhmische König Ottokar, der seine halb- 
wilden Horden zum Schutze des Thüringerlandes ge- 
gen Philipp führte, um hier in Freundesland ebenso 
zu hausen, wie auf feindlichem Boden. Da wurden 
Kirchen und Klöster zerstört, Altartücher um wie- 
hernde Hengste gebunden und Nonnen und Jung- 
frauen an deren Schweifen mit fortgeschleppt. O, klagt 
Walther : 

Man äscherte die Kirchen ein. 
Ich aber sah im Dämmerschein 
Des Waldes voller Thränen 
Am Kreuz den Klausner lehnten; 
Er klagte Gott das herbe Leid: 
O weh, der Papst ist all zu jung, 
Hilf, Herr, der armen Christenheit l 

Wehe dem Tage, fährt Walther in einem andern 
Spruche von 



— •<o 74 Q>- — - 
Der Pfaffen Wahl 

fort, an dem König Konstantin dem römischen Stuhle 
durch die Ueberreichung der Marterwerkzeuge Christi 
den Grund zur wehlichen Macht verliehen hatte. Wie 
ein Chronist berichtet, ertönte damals vom Himmel 
die Stimme eines Engels: Heute ist Gift in die Kirche 
gegossen worden, weil ihre Macht sich vergrössert und 
die Frömmigkeit verringert hat. 

Es gab der König Konstantin 
Dem Stuhl zu Rom so vieles hin, 
Wie ich euch sage: Speer und Kreuz und Krone. 

Da rief der Engel laut: O weh, 
Und wieder weh und nochmals weh! 
Wie herrlich diente man einst Gottes Sohfiel 

Nun aber fiel ein Gift auf alle, 
Ihr Honig wurde, ach, zur Galle, 
Darob steht einst die Welt verzagt. 
Die Fürsten leben rings in Ehren, 
Die Kaiserkrone kommt zu EHll, 
Das hat gethan der Pfaffen WalU. 
Dir sei es, süsser Gott, geklagt. 
Die Ff äffen wollen Laienrecht verkehren: 
Der Engel hat uns wahrgesagt. 

Anderseits aber wendet sich Walther, wohl wissend, 
dass die deutschen Reichsfiirsten nur durch Gold und 
Ehren zu ködern seien, an König Philipp, ihn mah- 
nend, nur jetzt nicht zu kargen, sondern mit voller 
Hand gleich Alexander dem Grossen und dem Sultan 
Saladin zu spenden: 

Fällt dir der Spruch des Saladin nicht ein ? 
Durchlöchert soll die Hand des Fürsten sein. 
So würde er gefürchtet und geminnet. 
Auch an den König Richard sei gemahnt l 
Den man gelöst ob seiner milden Hand; 
Der Schaden frommt, wenn doppelt man gewinnet] 



Zu den herrschenden Wirren und schweren Un- 
glücksfallen im deutschen Reich kamen im Jahre 1207 
noch grauenvolle Zeichen am Himmel, die mit der 
wuchernden Untreue auf Erden zusammengehalten an 
die Vorzeichen des jüngsten Tages erinnerten, von 
welchen Christus zu seinen Jüngern gesprochen hat. 
Wie ein Dichter der Jetztzeit in der Erwartung des 
Weltgerichtes singt: 

^ Allstündlich rufen Glocken und ruft der Buss- 
gesang: 
Bereite dich zum Ende, Welt, zum Untergang l 
Es sagen alle Bücher und unsre Sünden klar: 
Es nahn die letzten Tage, der Erde letztes Jahr . . . 

Die Glut wird sie zerstören, der Sturm wird sie 

verwehn; 

Ihr Schiffer auf den Meeren, die Zeichen sind 

geschehn ! 

Gewaltthat nur ftoch waltet und übermüthig Erz, 

Das V^lk ist ffkne Richter und ohne Furcht 

das Herz,H. 

so sang auch Walther, der damaligen Anschauung 
des Volkes Ausdruck gebend, von den 

Vorzeichen ' des jüngsten Tages 

und forderte zu reuiger Umkehr auf: 

Wacht auf! Wacht auf! Anbricht der Tag, 
Vor dem die Welt erzittern mag. 
Ob Christ, ob Jude oder Heide — 

Saht ihr des Himmels Zeichen nicht? 
Es kommt der Herr zum Weltgericht, 
Dass er die Guten von den Bösen scheide. 



Der Sontu Glanz ist schwarz geworden, 
Untreue wuchert aller Orten, 
Des Friedens sind ivir all' beraubt; 
Der Vater wird vom Kind betrogen, 
Der Bruder lügt den Bruder an. 
Der Pfaffe trügt, wie er nur kann. 
Den ihr zum Himmel führend glaubt: 
Gewalt siegt ob, das Recht ist uns entzogen, 
Wacht auf! Wacht auf! Streut Asche auf das 

Haupt! 

Damit verstummen die Sprüche, welche Walther 
im Dienste Philipps gesungen hat. Sie verstummen, 
obwohl letzterer abermals als Sieger aus den Schlach- 
ten hervorgegangen war; und weder der Triumph, dass 
selbst Ottos mächtigster Freund, Erzbischof Adolf von 
Köln, den einstigen Gegner zu Aachen salbte und 
krönte, noch die erschütternde Nachricht von dem 
plötzlichen Tode des Königs durch die ruchlose Mör- 
derhand Ottos von Witteisbach entlockten dem einst 
so warmen Staufenfreunde Worte des Jubels und der 
Klage. Walthern mochte das Unglück, welches der 
Krieg über Thüringen brachte, sehr zu Herzen ge- 
gangen sein, und mit gerechtem Zorne wandte sich 
der Dichter, der einstens mit solcher Begeisterung an 
Philipp gehangen hatte, von ihm ab, als er sah, wie 
der König das schöne Thüringen den wilden Horden 
eines Ottokar schonungslos preisgab. Der Anblick so 
unsagbaren Elendes mochte auch Schuld gewesen sein, 
dass Walther die ihm so lieb gewordene Wartburg 
verliess. Nicht im Unmuth gab er dem Landgrafen 
Hermann die Hand zum Abschiede ; als Freunde sind 
sie auseinander gegangen, und ein gleich lieber Empfang 
wurde dem Dichter zutheil, als er nach Jahren noch 
einmal an die Wartburg* klopfte und bei 



Thüringens Blume 

um Einlass bat. 

So bin ich denn wieder, o Landgraf, erschienen. 
Denn es ist meine Art, nur den Besten zu dienen. 
Mild sind wohl auch andere Fürsten im Reich, 
Doch du bist im Geben beständig und gleich. 
Ich habe, o iMndgraf, in deinem Gebaren 
Noch niemals die Launen des Mondes erfahrett. 
Wer heute verschwendet, dann kargt mehr denn je. 
Des Lob muss ergrünen und falben wie Klee, 
Nur Thüringens Blume erglänzt durch den Schnee 
Im Winter und Sommer und Jetzt wie vor Jahren, 

Mit dem Dichter sagen auch wir jener Burg Lebe- 
wohl, bei deren Eintritt eine hehre Ehrfurcht den 
Wanderer befällt, denn: 



>Die Stätte^ die ein guter Mensch betrat, 
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt 
Sein Wort und seine TTiat dem Enkel wieder. « 



Dichter und Papst. 

Das ist ein Tag der Wonne, 

O Frankfurt, Stadt am Main, 
An deutscher Länderkrone 

Du kostbarster Edelstein! 
Es läuten alle Glocken, 

Man kommt von nah und fern, 
Einstimmig zu frohlocken 

Dem kaiserlichen Herrn. 

Doch der sah stolz und finster 

Kaum auf das Volk herab, 
Das nach dem heiligen Münster 

Ihm das Geleite gab. 
Und ob man wie Blüthen im Maien 

Ihm bunte Kränze warf. 
Ihn konnte nichts erfreuen, 

Sein Auge blitzte so scharf. 

Wohl tobte in ihm ^in Gewitter, 

Als er aus fei:n und nah 
Die Herzöge, Grafen und Ritter 

Demüthig vor sich sah. 
Da waren aus Oeatreicli und Meissen 

Die Herrn und aus bairischem Land, 
Den Kaiser willkommen zu heissen, 

Den Roma vor kurzem gebannt. 



<fi 79 ^— - 

Nur Einer hob sich aus allen 

Gar trutziglich hervor 
Und Hess seine Stimme erschallen 

Aus der Ritter zagendem Chor. 
Und alles sah voll Staunen 

Bald ihn, bald den Kaiser an, 
Das war ein Winken und Raunen: 

Wer ist der kühne Mann? 

Jetzt Hess er über die Saiten 

Zu sanftem Präludium 
Vorerst die Finger gleiten 

Und blickte stolz sich um; 
Dann gleich wie Donners Rollen 

Wuchsen die Töne an, 
Und aus dem Herzen, dem vollen, 

Herr Walther jetzt begann: 



Willkomm an den Kaiser. 

Iferr Kaiser, seid uns hoch willkommen, 
Dir König ist von euch genommen. 
Und eure Krone blitzt vor allen Kronen! 

In eurer Hand liegt Macht und Gut, 
Und ob ihr recht, ob unrecht thut, 
Sie kann bestrafen und belohnen. 

Auch dieses sei euch noch verkündet: 
Die Fürsten sind euch unterthan 
Und harren demuthsvoll auf euch ; 
Vorab ist Meissen eu^h verbündet, 
Dass eher von der Himmelsbahn 
Ein Engel fiel' ins ß^öllenreich. 

Und Walthers Auge ruhte 

Auf Dietrich, treu und mild, 

Und mit erhöhtem Muthe 
Ward seine Brust erfüllt; 



<0 80 Q> 

War Otto auch ein Gebannter, 
Vor Christus war er's nicht; 

Als ein von Gott Gesandter 
Herr Walther jetzo spricht: 

Göttliche Botschaft. 

Herr Kaiser^ ich bin ausgesandt 
Von Gott und thue euch bekannt: 
Die Welt ist euch, der Himmel ihm gegeben. 

Als seinem Vogt sei euch geklagt, 
Wie trotzig es der Heide wagt, 
In Sohnes Land sich zu erheben. 

O wahrt sein hohes Recht auf Erden ! 
Sein Sohn, es ist Herr Jesus Christ, 
Wird euch Vergeltung nicht versagen. 
Dort, wo er Himmelskönig ist, 
Wenn ihr den Teufel selbst wollt klagen: 
O lasst ihn euch verpflichtet werden l 

Er sang's, und vom Auge flammte 

Es ihm wie ein Himmelsstrahl, 
Als ob er Gott entstammte, 

Umschwoll ihn des Jubels Schall. 
So brausen im nächtigen Walde 

Die Eichen vom Sturme gebeugt, 
Doch Walther winkt, und balde 

Legt sich der Jubel, und schweigt. 

Denn die Saiten zum dritten ertönen, 

Dem heiligsteft. Ziek geweiht : 
Um Deutschland zu versöhnen 

Und all die Christenheit. 
Heil dann dem Wappenzeichen: 

Drei Löwen und halbem Aar! 
Besiegt muss vor ihm weichen 

Die trotzige Heidenschaar. 



-^ 8i q)^ 



Adler und Löwe. 

Herr Kaiser, wenn durch Schwert und Strang 
Der Friede Deutschlands euch gelang, 
Wird sich das Ausland huldigend verneigen. 

Es ist ein Ruhm, der mühlos krönt. 
Und wenn ihr noch die Christenheit versöhnt. 
Wie wird der Heiden Uebermuth dann schweigen! 

Ihr habt des Kaisers Doppelmacht auf Erden: 
Des Adlers Milde, des Löwen Kraft; 
Das Wappen ist's auf eurem Schilde, — 
O wenn die beiden Kampfgefährten 
Bekriegten einst die Heidenschaft, 
Wer trotzte ihrer Macht utid Milde? 



Mit diesea drei Kaisersprüchen, »in denen die 
ganze Grossartigkeit der Kaiseridee zu ihrem Aus- 
druck gekommen ist«, begrüsste Walther im Gefolge 
des Grafen Dietrich von Meissen den König Otto auf 
dem Hoftage, den dieser im März 12 12 zu Frankfurt 
am Main abgehalten hatte. 

Nach Philipps^ode allgemein als deutscher König 
anerkannt, war Otto nach Rom gezogen, um die 
Kaiserkrone zu empfangen; von der Zeit aber war es, 
als ob die alte Staufenkrone eine magische Gewalt auf 
den Weifen ausübte, und es dauerte nicht lange, so 
wollte der neue Saul, der dem Päpste geschworen 
hatte, das Erbgut Petri nicht zu batasten, im Kirchen- 
staate mit der alten kaiserlichen Vollmacht gebieten ; 
ja er scheute selbst den Waffengang nach Apulien 
nicht, um das alte Normannenland an sich zu ziehen. 
Damit war die Geduld des Papstes erschöpft. Acht 
Tage nach dem Einzüge in Apulien gehörte auch Otto 



— ^ 82 a> — 

zu denen, die sich rühmen konnten, mit dem Bann- 
fluch beladen zu sein. Wie dieses Wort an Walther 
schlug! Ja, er ist es gewesen, diese hehre Natur, 
der, als die deutschen Fürsten in Nürnberg rath- 
schlagten, um Friedrich, den Sohn Heinrichs VI., an 
Stelle Ottos zum König zu erwählen, mit klingendem 
Spiel ins Lager des Weifen gieng. Otto war ihm ja 
kein Pfaffenkönig mehr, auch ihn hatte der Traum 
deutscher Kaiserglorie umsponnen, und erst musste 
er ein Gebannter sein, bevor er dem Dichter ein 
Anerkannter wurde. Unterdessen war der Kaiser mit 
Eilschritten über die Alpen gekommen, für manchen 
zu früh, der den Nürnberger Tractat im Herzen gut- 
geheissen hatte. Ob es nicht angezeigt war, gute 
Miene zum bösen Spiel zu machen? Staunen muss 
man, wenn man die Reihe der Fürsten und Herren 
sieht, die den Frankfurter Hoftag besucht hatten. 
Wie Worms auf Luther, so blickte jetzt Frankfurt 
auf unseren Sänger, der mit flammender Begeisterung 
den gebannten Kaiser willkommen hiess und ihn der 
Treue der Fürsten, vor allem des Meissners, ver- 
sicherte. 

Aber geradezu ein zweischneidiges Schwert wurde 
die Fiedel Walthers, als er sich vom Kaiser weg an 
Papst Innocenz wandte, der zwei Zungen in einem 
Munde führte. 

Wohl wusste er, dass auch ihn, den Anhänger 
des Kaisers, der Bannstrahl traf, aber der Dichter 
fürchtete denselben nicht, war es doch Innocenz selbst, 
der Otto zum Kaiser* geweiht und bei Strafe des 
Bannes befohlen hatte ^ ihn als den einzigen recht- 
mässigen Herrn anzuerkennen. 



Der Bannstrahl. 

Herr Papst, ich hin doch sündenrein, 
Denn ich will euch gehorsam sein; 
Wir hörten euch der Christenheit gebieten, 

Der Kaisertreue stets zu pflegen, 
Als ihr ihm gabt der Gottheit Segen, 
Dass wir ihn hiessen *Herr^ und vor ihm knieten. 

Vergesst auch nicht des Heilands Spruch: 
Wer segnet, soll gesegnet sein, 
Doch wer im Herzen fluchend grollt. 
Den treffe vollgemess'ner Fluch! 
Bei Gott, bedenkt doch dies allein, 
So ihr der Pfaffen Ehre wollt l 

Solche Verlogenheit war zu viel für den arglosen 
Deutschen, der sich verachtend von den 



Zwei Zungen 

wendet. 

Gott gibt zum König, wen er will, 
Darüber staune ich nicht viel; 
Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre. 

Sie widerrufen so bereit, 
Was sie gelehrt vor kurzer Zeit. 
Bei Gottes und der eigenen Ehre 

Gesteht uns offen umi in Treue, 
Durch welches Wort ihr uns betrogen. 
Erkläret Eines aus dem Grunde, 
Ob nun das alte oder neue! 
In Einem sind wir doch belogen: 
Zwei Zungen stehen schUtßm in einem Munde. 
• 
Selbst mit den Worten der heiligen Schrift schlägt 
der Dichter den Eingriff in 

6* 



-> 84 



Kaisers Recht. 

Als Gottes Sohn der Welt erschien, 
Versuchten oft die Juden ihn; 
So fragend einst sie zu ihm giengen, 

Ob man in freier Stellung wohl 
Dem König Zinsen geben soll; 
Durchschauend doch die feinen Schlingen, 

Hess er sich eine Münze langen: 
Wes Bildnis seht ihr, Juden? sprecht l 
Des Kaisers l zischten da die Schlangelt. 
Des Kaisers, gut! sprach er, man misst 
Dem Kaiser zu, was Kaisers Recht, 
Und spendet Gott, was Gottes ist. 

Im Dienste Ottos, in den Walther bald nach dem 
Frankfurter Hoftage getreten war, erklangen nun jene 
»gewaltigen Sprüche gegen Papst und Geistlichkeit, 
welche durch die Unmittelbarkeit der Empfindung, die 
männliche Kraft und den edlen Sinn, den sie bekun- 
den, zu dem vorzüglichsten gehören, was je gedichtet 
ist«. So wendet er sich tadelnd gegen den Papst, 
der dem gläubigen Volke mit bestem Beispiele voran- 
leuchten sollte. Doch Innocenz ist ein neuer Judas, 
der die Welt belügt und betrügt, und leider folgen 
ihm, als dem väterlichen Haupte, Tausende und 
Tausende der Gemeine, so dass Gottes Minne dem 
beiwohnen müsste, dessen Herz in solchen Zeiten 
nicht verkehrt werde. In der That schien es , als 
ob alle sittlichen Gebrechen von Rom ausgegangen 
wären, lim das gesunde deutsche Land zu verpesten. 
So kann das Jahr 1 2 1 3. erzählen, wie man das Kreuz 
predigte und Opferstöcke aufstellte, und wozu? Um 
milde Gaben fiir das heilige Land ! Ihr Thoren und 



-^fi 85 Q> 

Thörinnen, ruft Walther aus, weg mit dem Opfer- 
stock, der nur ausgesendet ist, um in Deutschland 
dumme Narren zu finden, die den Papst bereichern; 
denn zu Gottes Hilfe werde des Silbers wenig ins 
heilige Land gelangen. 



Der Opferstock. 

Sagt an, Herr Stock, hat euch der Papst gesendet, 
Dass ihr ihn reich macht und uns Deutsche pfändet? 

Gold über Gold kommt nach dem Ijiteran, 
O Schelmenstreich, den er schon oft gethan! 

Er sagt, wie es im Reich verworren sei, 
Und neuen Zins trägt Jede Pfarre bei. 
Das Silber, glaubt ihr, kommt ins heilige Land? 
Als flösse Gold je aus der Pfaffen Hand! 
Herr Stock, ihr seid zum Schaden hergesandt, 
Denn Thor und Thörin stehn euch immer fr eil 

Wie sich der Papst ins Fäustchen lachen wird, 
wenn er den Welschen sagen kann, dass er zwei 
Alemannen, Otto und Friedrich, unter eine Krone 
gebracht habe, auf dass sich fülle 



Der welsche Schrein. 

Ahi, wie christlich nun der Papst ins Fäust- 
chen lacht. 
Wenn er den Welschen sagt, zuie er es hier ge- 
macht. 
Pfui, was er spricht, o hätte er's lieber nie 
gedacht: 
Ich habe zwei Alemannen auf einen Thron ge- 
bracht. 



<c 86 Q> — 

Und während das Reich zu verwüsten sie weder 

ruh'n noch rasten, 
Füll' ich so recht gemüthlich in Rom den Opfer- 

kästen. 
Hei, wie den Stock sie ziehen! Ihr Gut wird alles 

mein, 
Das deutsche Silber wandert in meinen welschen 

Schrein, 
Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinkt vom besten 

Wein! 
Was ist's auch, wenn die Deutschen in ihrer Thor- 

heit fasten ! 

Ja, Walther wendet sich geradezu an Gott selbst 
um Abhilfe, war doch 

des römischen Stuhles Macht 
Dorthin wie unter Gerbert einst gebracht. 

Nur kam der Zauberer allein zu Falle; 
Doch dieser stürzt mit sich die Christen alle. 

Was ruft ihr nicht herab des Himmels Strafen 
Ufid fraget Gott: Wie lange wirst du schlafen? 
Vereitelt ivird dein Werk, gefälscht dein Wort, 
Dein Kämmerer, der Papst, stiehlt dir den Gtiadenhori, 
Als Richter raubt er hier und mordet dort. 
Dein Hirt ist Wolf geworden unter Schafen. 



Aber nicht nur auf die römische Curie richtete 
Walther sein Augenmerk, sondern er verfolgte auch 
mit lebendigem Interesse das politische Gebaren der 
habgierigen Fürsten, die das kaum beruhigte deutsche 
Land von neuem in die Wirren eines Parteikampfes 
stürzten. Denn trotz dem Frankfurter Hoftage, an 
dem Walther als ein mahnender Herold deutscher 
Kaiserglorie erschienen war, wandten sich viele dem 
Sohne Heinrichs VI. zu, der unterdessen zu einem herr- 



87 



liehen Jüngling herangewachsen war: zunächst das 
wetterwendische Thüringen, bald darauf Meissen. Ja, 
schon zog der junge Friedrich mit dem Segen und 
dem Golde des Papstes ausgerüstet über die Alpen 
dem schwäbischen Meere zu. Der Pfaflfenkönig kommt, 
höhnte der Weife, nicht ahnend, dass der Gegner 
alles besass, um die Herzen des Volkes im Sturme 
zu erobern. Was aber sämmtlichen Tugenden die Krone 
gab, war die reich hinstreuende Hand. Wie schnell war 
da die Wahl zwischen staufischer Milde und weifischem 
Knauserthum getroffen! O weh, singt Walther: 



Gut geht vor Ehre. 

Vom Po zur Trave und der Seine zur Mur 
Bin ich gewandert und sah Eines nur: 
Man fragt nicht viel, wie man das Gut erreiche; 
Geh schlafen, höfischer Sinn, thät ich das Gleiche! 

Von Jeher man das Gut willkommen nannte, 
Den Vorzug doch der Ehre man erkannte. 
Nun aber gilt bei Frauen nur das Gold, 
Ihm siftd im Rathe Fürst und König- hola, 
O weh dir, Reich, du stehst in seinem Sold! 
■ O Gut, du bist nicht gut, du bist voll Schande! 

In Kürze der Zeit fiel alles dem Kaisersohne zu, 
der fast ohne eine Schlacht zu liefern das Reich er- 
oberte. Umsomehr muss es uns wundern, den Dichter, 
jenen alten Staufenfreund , noch immer bei Otto zu 
sehen. Sollte der weifische Hof ein so anziehender 
Magnet gewesen sein? Nichts von dem. Man denke sich 
Walther, den Sänger von Frühling und Frauen, mitten 
in einem Kreis roher Saufbolde, die dem Trünke so 



<p 88 Ge- 
lange fröhnten, bis ihnen Zunge und Füsse erlahmten 
und sie sanft gebettet unter dem Tische lagen. Was 
nützte es, wenn Walther mahnte, 



Wie man trinken soU- 

Der Mann hat schlecht getrunken, der so trinket, 
Dass ihm vom Wein die schwere Zunge sinket 
Und er nur Schmach und Schande zu sich winket. 

Ihm stünde besser, so sich zu benehmen, 
Dass er auf eigenen Füssen stehen kann; 
So sanft man ihn auch trägt, den guten Mann, 
Er gienge lieber, um sich nicht zu schämen. — 

Den Durst zu stillen, das bringt keinen Spott; 
Doch trinken, dass man sich nicht kennt noch Gott, 
Ist wider alles göttliche Gebot. 

Wilde Spässe fielen auf das Haupt des Dichters, 
der den gastfreundlichen Wirth wie den geladenen 
Gast vor zu vielem Trinken warnte und auch hier das 
richtige Mass verlangte. 

Aber auch Otto war kein Mann für Walther. Sein 
Ohr gehörte feigen und klatschsüchtigen Hofschranzen. 
Mit einem gewissen Grauen wendet siclj Walther von 
den falschen Lächleni ab, die Honig auf der Zunge 
und Galle im Herzen haben. Ein verlogener Mund 
und ein zwerches Sehen sind ihm in der Seele zu- 
wider; ja er schwört Gottes Zorn auf jene herab, 
welche sich der Hand des Mannes mit der Glätte 
des Aals entwinden. Die Gesinnung des Mannes soll 
fest wie ein Stein und in der Treue glatt wie ein 
Pfeilschaft sein. Nicht wissend, was Freundschaft sei, 
wandte sich Otto solchen Rathgebern zu, die ihn zu 
Lug und Trug anleiteten und ihn hinderten, das ge- 



gebene Wort zu halten. Vergebens warnte ihn Walther 
vor denselben, mögen sie nun je nach ihrem vor- 
nehmem oder geringern Stande sitzend oder stehend 
an den Berathungen theilnehmen. 



Die falschen Lächler. 

Ein Kranz des Lobes soll den Hof umranken, 
So lange nicht die höfischen Sitten wanken 
Und Wort und Miene gleichen dem Gedanken. 

Vor falschem Lächler grauet mir in Sorgen, 
Sein Herz voll Gall', sein Mund voll Honig ist. 
Des Freundes Lachen sei ohn' Hinterlist, 
Rein wie das Abendroth vor klarem Morgen! 

Dem wahren Freunde bin ich gerne nah, 
Doch trügt sein Mund, so nahm* ich lieber da 
Ein off'nes Nein für zwei gelog'ne Ja. 



Schlechte Rathgeber. 

Wer er auch sei, ein Schalk ist, der betrüget 
Und seinen Herrn verleitet, dass er lüget; 
Erlahme Bein, so er im Rath es biegeil 

Und reitet er als hoher Herr vom Sitze, 
So werde ihm die falsche Zunge lahm, 
Sie brachtest manchen Fürsten um die Scham; 
Soll Lüge Weisheit sein, erröthet vor dem Witze l 

, Ein falsch Gelübde soll der Mund behalten; 
Doch nie soll ein Versprechen je veralteji. 
Sonst wird zu früh das tuarme Lob erkalten! 



Die herbste Enttäuschung wurde jedoch dem Dich- 
ter, als er, der wandermüde, an Ottos Dank appellirte 
und ihn um ein Lehen bat. 



<D 90 Q> 

Wirth und Gast. 

Grüss Gott, Herr Wirth \ Dem Grusse muss ich 

schweigen; 
Grüss Gott, Herr Gast! Ich muss mich dankend 

neigen. 
Wirth und Daheim: Man prahlt mit diesen 

Worten ; 
Herberg und Gast: Man schämt sich aller Orten. 
O dass auch ich einst sagte: Sei am frommen 
Und stillen Herd, o Gastfreund, mir willkommen! 
O Gauklerfahrt! Heut' hier und morgen dort! 
Ich bin daheim! Wie traulich klingt das Wort! 
Man wünscht den Gast und Schach dem König fort. 
Von euch sei Schach, von mir der Gast genommen ! 

Es kam nicht so. Otto verlor weder sein Schach, 
das ihm Friedrich bot, noch Walther den Gast. Darf 
es uns wunder nehmen, wenn sich der Sänger, der 
Ottos Namen weit über die deutschen Gaue hinaus- 
getragen hatte, von dem undankbaren König losriss 
und dem Staufen zuwandte, der zweifelsohne die Fiedel 
Walthers mehr zu schätzen verstand, als der gewalt- 
thätige Otto? So sagte sich denn Walther mit einem 
nicht sehr schmeichelhaften Spruche von dem Könige 
los, den er in Bezug auf seine Falschheit und Doppel- 
züngigkeit mit einem schrecklichen Wunderthiere ver- 
gleicht, das selbst in den Fluthen des Meeres, die 
doch die abenteuerlichsten Ungeheuer in der Tiefe 
bergen, als ein seltsames Unthier erscheinen würde. 

Das Wunderthier. 

Ich konnte jüngst ein Wunderthier erschauen. 
Wie man nicht sieht selbst in dem Meer, dem blauen, 
Und statt der Freude fasste mich ein Grauen. 



^ 91 Q> 

Es gleichet bösem Mann. Wer dessen Lachen 
Am Stein der Tretie prüft, merkt falsches Gold; 
Es beisst, bevor es knurrt, weil es dir grollt. 
Und hat zwei Zungen, kalt und warm, im Radien. 

Du siehst den Stachel in dem Honig nicht, 
Es schadet dir mit lachendem Gesicht 
Und heuchelt Unschuld, kommt sein Thun ans Licht. 

Als einst der Jüngling Walther aus den Thoren 
Wiens zog, bat er Gott um das Geleit eines Schutz- 
engels, um auf der Bahn des Guten nicht zu straucheln. 
Auch jetzt betete er zu Gott, bevor er zu Friedrich 
iibergieng, und gestand ihm in aufrichtiger Beichte, 
dass er den Worten Christi: »Liebet eure Feinde über 
alles!« nicht nachgekommen sei, hofft aber, dass ihm 
der Herr die übrigen Sünden verzeihe, wenn er in 
seiner menschlichen Schwäche der Eigenliebe auch in 
Zukunft nicht entsagen könne. 



Beichte. 

Gelobter Gott, du gabst mir IVort und Weise, 
Umi ich, dein Kind, das unter deinem Reise, 
Ich wage noch, dass ich dich selten preiset 

Mir fehlt, o Vater, ich will offen beichten, 
Die Liebe zu dem Nächsten und zu dir; 
Ich 7üar noch keinem je so gut ivie mir, 
O möge mich dein heiliger Geist erleuchten! 

Ich muss den hassen, der mein Herz betrübt, 
Und kann nur lieben, der mich wieder liebt: 
O Gnade, Herr, wenn es noch Gnade gibt. 



Ich hab' ein Lehen. 



Wenn Lerchen noch so jubiliren, 

Der Himmel noch so heiter blaut, 
Ich muss am Wanderstabe irren 

Und kenne nur den bangen Laut 
Der Klage, dass so früh zerronnen 

Der gold'nen Kindheit Paradies, 
Das ich im Glanz der Maiensonnen 

So reich an Hoffnungen verliess. 
Und an der Donau stolzen Wogen 
Bin ich nach Oesterreich gezogen, 
Wo ich in sommergrünen Tagen 
Gelernt zu singen und zu sagen. 



Mit Nachtigallen um die Wette 

Pries ich das Mägdlein aus der Schaar 
Der Jungfrau'n, und auf grünem Bette 

Bot ich ihr manches Röslein dar. 
Ich sang von Frühling und von Frauen 

In trunkener Begeisterung, 
Wie markig klang in allen Gauen 

Dir, Vaterland, des Liedes Schwung I 
Darüber bin ich alt geworden 
Und muss noch immer an die Pforten 
Wie einstens pochen, dass die Gnade 
Des Fremden mich zu Tische lade. 



Und jedes Kind, das an der Schwelle 

Des Hauses spielt, ja jeder Hund, 
Der mich umwandelt mit Gebelle, 

Macht mir das Herz im tiefsten wund. 
Ihr habt, wonach ich sehnend ringe, 

Noch eine Heimat und ein Haus; 
Doch, was ich sage auch und singe. 

Ein Fremdling zieh' ich ein und aus: 
Ein Fremdling mit gebleichtem Haare, 
Der bang mit jedem jungen Jahre, 
Das Blatt und Blüthe treibt, muss sprechen: 
Wann, alter Baum, wirst du zerbrechen? 



Wie traulich ist's, wenn Stürme tosen 

Und Feuer knistert auf dem Herd; 
Wenn Kind und Mutter dich umkosen 

Und jeden Wunsch man dir gewährt. 
Die Wolkenstirne wird geglättet 

Und alles Liebe dir gebracht; 
O selig, wer sich so gebettet 

Und ruhig schläft trotz Sturm und Nacht. 
So rauschet denn, ihr gold'nen Töne, 
Dass euch die Milde Friedrichs kröne, 
Und so »Herr Gast« sie wieder fragen, 
Will ich als »Wirth« Willkommen ! sagen. 



Wie glücklich ist der Greis zu schätzen, der be- 
haglich im Lehnstuhl ruht und von Kindern und Enkeln 
umgeben die längst verrauschte Kinderzeit an seinem 
Geiste vorüberziehen lässt. Doch bei ergrauendem Haar 
um fremdes Brot betteln zu müssen, thut bitter weh, 
um so weher, wenn es von kargem Undank gereicht 
wird. Noth und Armut haben auch Walther gezwun- 
gen, sich von Otto weg 



94 



An König Friedrich 

zu wenden, auf dass er ihn mit einem wenn auch 
noch so bescheidenen Lehen belohne. 

Apuliens König und Rojns Vogt, Erbarmen} 
So reich an Liedern, muss ich doch verarmen! 
Wie drängt es mich nach eig'nem Herd, dem w armen \ 

Dann würd' ich singen von der Heide Prangen 
Und Waldesvöglein, dass es Itistig schallt \ 
Und dankte mir ein schönes Weib, ich malt' 
Ihr wieder Ros' und Lilie auf die Wangen. 

Doch ich komm' spät und reite früh, o weh! 
Der Wirth mag singen von dem grünen Klee: 
Die Noth bedenkt, dass eure auch vergeh'! 

Walther hatte nicht umsonst gebeten. Friedrich 
nahm den Sänger um so huldvoller auf, als er dessen 
Liedermund zu würdigen wusste. Zwar den Augenblick 
konnte er ihm kein Lehen verschafifen ; noch war er 
selbst in Kriegesnoth. Aber er vertröstete ihn auf bes- 
sere Tage; bis dahin war er willkommen an seinem 
Hof. Erst als die Schlacht bei Bouvines geschlagen 
und Ottos Stern erblichen war, winkte ihm die Aus- 
sicht auf ein trauliches Heim. Fast konnte es Walther 
nicht glauben. Der neue König schuldete ihm ja nicht 
die kleinste Bohne. Welch ein Unterschied zwischen 



Otto und Friedrich I 

Herr Otto gab das Wort, mich zu beschenken. 
Und that es nicht. Wie sollte Friedrich denken, 
Die königliche Huld auf mich zu lenken? 



Er schuldet mir selbst nicht die kleinste Bohne, 
Ihm seien denn die alten Sprüche werth; 
Einst hat ein Vater seinen Sohn gelehrt: 
Diefi' schlimmstem Mann, dass dir der beste lohne! 

Der Sohn bin ich, Otto der schlimmste Mann, 
Wie ich noch keinen schlimmeren geivann. 
Der beste Friedrich, der vergelten kann. 

Der Juli 12 15 brachte endlich das ersehnte Gut. 
An dem Tage, da Friedrich zu Aachen unter Krone 
gieng, erhielt Walther den Vogelweiderhof in Würz- 
burg als Lehen. Im jauchzenden Tone spricht Walther 
den Dank dafür aus: 

Das Lehen. 

Ich half ein Leh'n, Welt, ich hab' ein Lehen ! 
Nicht furcht* ich mehr den Homung an den Zehen, 
Zu kargen Fürsten darf ich nimmer flehen. 

Hab' Dank, o edler König, für die Gabel 
Im Sommer frische Luft, im Winter warme Gluth ! 
Wie freundlich rückt der Nachbar seinen Hut! 
Ich bin ihm kein Gespenst mehr, seit ich habe, 

O, Armut schmerzt! Ich habe sie empfunden, 
Und meine Fiedel schlug oft herbe Wunden: 
Nun jauchzt das Lied, wie in den schönsten Stunden. 

Welch ein idyllisches Gemälde! Eichlaub umwunden 
hängt die Geige an der Wand; unter ihr sitzt der 
greise Sänger im Sorgenstuhl; ihm zur Seite ist ein 
blühendes Weib, das seine Wangen streichelt. Eitles 
Traumgebilde ! 

Das Feuer flackert auf dem Herde, 

Durch Feld und Wald streicht Frühlings wehn. 
Geschmückt mit Blumen ist die Erde, 

Hoch über mir die Wolken gehn. 



96 



Vor meiner Schwelle lustig plaudern 

Die Schwalben und das Wasser rauscht; 

Doch mich ergreift ein seltsam Schaudern: 
Herr Wirth sei mit dem Gast vertauscht! 

Wo ist, was ich mit bunten Farben 

Als höchstes Glück mir vorgeträumt? 
Ich muss am eig'nen Herde darben, 

So kommt es, wenn man sinnt und reimt 
Und über Reimen, über Sinnen, 

Ach, auf das Herrlichste ^ergisst, 
Dass man im Alter ohne Minnen 

Doch nur ein armer Bettler ist. 



Die Wände sind so stumm. Ich rufe: 

Sie geben Antwort dumpf und kalt. 
Und nimmer wandelt von der Stufe 

Des Weibes liebende Gestalt. 
Grüss Gott, Hen* Wirth ! Die Gäste fragen — 

O, ich verstehe ihren Blick. 
Dein Weib? dein Kind? hör' ich sie sagen, 

Wir tauschen nicht mit deinem Glück. 

Der Himmel lacht in reinster Bläue, 

Die Fiedel trauert an der Wand. 
So komm herab ! Hinaus ins Freie, 

Von Burg zu Burg, von Land zu Land! 
Die Mauern drücken. Unter hohen, 

Nachtdunklen Bäumen wird mir gut. 
Wann Wolken donnern. Blitze lohen 

Und zürnend wächst die Wasserfluth. 

Und wenn der Stunaagott erst die Zweige 
Zersplittert und den Baum zerspellt. 

Dann greif ich lustig nach der Geige 
Und fiedle, dass es weithin gellt. 



Ein Baum wie der, entlaubt, zerschmettert. 
So bist auch du, verwaist, vereist. 

Und geigst nur, wann es wogt und wettert, 
Bis Sait' an Saite stöhnend reisst. 



Ahi, ahi, ich könnte lachen I 

, Mir ist so spassig ; Feuer stirb ! 
Was schläfst du, Rösslein? Auf, wir machen 

Uns auf den Weg. O Fiedler, wirb 
Um neues Brot und poche wieder 

An fremde Thüren, armer Wicht! 
Es bringt der Frühling neue Lieder, 

Doch Glück und Liebe bringt er nicht. 



Dem alten Wandervogel wurde es bald zu enge 
im einsamen Stübchen, und eine gewaltige Sehnsucht 
erfas.ste ihn wieder nach der Fremde. Zudem hatte 
er sich in der Hoffnung, ein ausreichendes Lehen zu 
erhalten, arg getäuscht. Gab man auch den Ertrag 
desselben auf ungefähr 30 Mark an, so waren doch 
die wirklichen Einkünfte viel zu gering, um den Dichter 
sorgenlos zu ernähren. In launiger Weise meint er, 
dass er weder Geldtruhen, sogenannte Arken, noch 
Kiele brauche, um sein Erspartes zu verschliessen oder 
über Meer zu führen, um so weniger, als auch die 
Geistlichkeit unter heischendem Gezanke die neue 
Kreuzzugssteuer einforderte. 



Grosses Lehen, kleiner Ertrag. 

Mein Lehn, o König, gilt für dreissig Marken, 
Die kann ich nicht verschliessen in den Arken, 
Noch über See verschiffen in den Barken. 



Das Wort klingt gut; doch lässt sich nicht erfassen 
Der Nutzen, noch auch hören oder sehn, 
Nicht Kahn twch Kiste taugen für mein Lehn, 
D'rum rafflet, soll ich's nehmen oder lassen? 

Der Pfaffen Steuer fürchte ich noch nicht, 
Sie prüfen nur die Arken von Gewicht ; 
Prüft her und hin und seht, was mir gebricht! 

Lockende Wanderbilder traten abermals an den 
Dichter heran, der zu sehr an buntfarbiges Hofleben 
gewohnt war. Zwar kam ihm manchmal schon der 
Gedanke, von den Freuden der Welt Abschied zu 
nehmen und sich den Himmel zu verdienen, aber 
noch einmal wollte er Oesterreich, das Land seiner 
Jugend, sehen, ihm galt die Wanderfahrt an seinem 
Lebensabend. 



Am Lebensabend. 

Man zählte 12 17. Ueber Wien hieng der brennende 
Sonnenball, die Vöglein neigten das Haupt, und wie 
sChlummertrunken nickten die Blumen. Da kam aus 
der Biegung der Waldstrasse ein Ritter hervor, und 
ein Ruf freudiger Ueberraschung entfuhr seinen Lippen. 
Tief unten rauschte die Donau und glänzten die Thurm- 
kronen der Stadt. Vor ihm aber, o, rief der Wanderer 
aus: 

Du grünst noch immer, alte Linde, 

Wo sind die Blumen, die ich brach? 
Das Haupt gelehnt an deine Rinde, 

Entschlief ich unter grünem Dach. 
Und aus dem Traum, dem wundersüssen. 
Rief mich ein Halsen und ein Küssen, 

Schwarzbraunes Auge sah mich an: 
Ein Vöglein singt nur auf den Zweigen, 
O lass mich bei dir sein und schweigen. 

Du allerliebster, böser Mann! 

Wie konntest du so herzig kosen! 

Nur einmal, Kind, hast du geweint; 
Es war die Zeit der wilden Rosen, 

Da alles lacht und lieb erscheint. 
Du harrtest lang. Ich aber lauschte 
Am Weidenbach ; die Welle rauschte, 



<ifi lOO :>y 

Und eine I^errm stieg empor — 
O aniies Röslein, früh gebrochen, 
Du hast mich nimmermehr gesprochen, 

Doch sang und klang es wie zuvor. 

O dass nur einmal sich erschlösse. 

Du Kind des Waldes, noch dein Mund, 
Dass ich den alten Traum genösse 

Und du mir sähst in tiefsten Grund ! 
Dass all die Blumen, die verdorrten, 
Ob silbern auch mein Haupt geworden. 

Aufblühten wie im jungen Mai ; 
Und durch die Nacht, die mondverschönte, 
Das sehnsuchtsvolle Lied ertönte 

Der Nachtigall: Tandaradei! 

So ziehe denn auf müdem Stabe, 

O Fiedler, in die Stadt hinein! 
Nicht wahr, ich bin ein alter Knabe ! 

»Kommst du mit Weib, fragt ihr, allein?« 
Allein. — »So fiedle auf der Stelle 
Uns, graulandfahriger Geselle, 

Vom Tauber, der kein Täubchen fand I « 
O Röslein, Röslein, tief im Walde, 
Nicht du, das Kind der grünen Halde, 

Seelilie war es, die mich band. 

• An ihr ist all mein Glück zertrümmert, 

Doch du, du bist schon lange todt; 
Nur über dunkler Haide flimmert 

Erinnerung als Abendroth. 
O nehmt mich auf, den alten Jungen I 
Wo ich das erste Lied gesungen. 

Verklinge auch der letzte Toni 
Und sargt ihr unter grüner Linde 
Mich einstens zu dem holden Kinde, 

Ist es des Sängers schönster Lohn. 



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Vierzig Jahre waren verrauscht, seit Walther unter 
der Linde sein »Tandaradei« gesungen hatte. An der 
Grenze von Jüngling und Mann hatte er Wien zum 
erstenmale verlassen; in der Blüthe seiner Jahre war 
er zum Wiener Schwertleitfeste gekommen; als ein 
Greis, von Gram und Entbehrungen gebeugt, zog er 
abermals in die geliebte Stadt. Der frische Geist und 
der frohe Muth waren von ihm gewichen, nur in einem 
hatte er nicht gealtert, noch 



Am Lebensabend 

strebte er nach idealer, sittlicher Würde und verlangte, 
ob auch arm und gering, die Achtung der Welt. 

/ch trete vor den edlen Kranz 
Der Frau'n und Ritter als ein Greis 
Und fordere der Ehren Preis 
Noch mehr, denn in der Jugend Glanz, 

Der Sommer vierzig sind verrauscht, 
Dass ich von Lenz und Liebe sang. 
Wie oft habt ihr der Saite Klang 
Ln jungen Tagen einst gelauscht! 

Da sprang in Wonne uns das Herz. 
Nun trauert mein's, das eure lacht; 
Die Fiedel hat mir nichts gebracht, 
O kommt und lindert meinen Schfuerz! 

Doch milssV ich auch als ärmster Mann 
Zu Fusse gehn, so streb* ich doch 
Nach höchster Manneswürde fioch, 
Wie ich von Kindheit atif gethan. 



Und bin, ob vom geringsten Blut, 
Doch reich an Ehren. Tiefgekränkt 
Ist nur der Mann, der niedrig denkt. 
Der Hochgesinnte ist mir gut. 



Heil dem, der für das Höchste glüht. 
Bis ihm das Auge sterbend bricht! 
Ein Kranz des Ruhmes sich ihm flicht, 
Der ewig grünt und t"iuig blüht. 



Der Dichter wurde willkommen geheissen, freilich 
nur auf kurze Zeit. Denn bald nach seiner Ankunft 
beschloss Herzog Leopold, nach dem heiligen Lande 
zu fahren, und mit ihm verliess auch Walther die 
Donaustadt j um während seiner Abwesenheit ein be- 
wegtes Wanderleben zu führen. Jetzt treffen wir ihn 
bei Heinrich, dem Oheim Leopolds, der in Mödling 
bei Wien residierte; dann wieder zog er durch die 
grüne Steiermark nach dem Hofe zu Villach, wo 
Herzog Bernhard von Kärnten der fahrenden Sänger 
pflag; und von Villach weg begleiten wir den Dichter 
auf der von pittoresken Gebirgswänden eingeschlosse- 
nen Heerstrasse, die über Tarvis nach Pontafel und 
von dort hinab über Udine nach Aquileja führt. 

An den Aufenthalt in Kärnten knüpften sich für 
Walther keine angenehmen Erinnerungen. Er litt da- 
selbst unter den Bosheiten der Kämmerer, die dem 
Herzog ins Ohr bliesen, als ob Walther auf ihn zürne 
und ihn unmilder Behandlung zeihe. In der That aber 
zürnte der Dichter nicht dem Herrn, sondern dem 
Diener, der ihm Kleider vorenthalten, welche ihm 
Bernhard versprochen hatte. — Schmeichlerische Höf- 
linge, sogenannte Hofkläffer, mit dem ewig dienstferli- 



^w I03 ^ — 

gen »Herr« auf den Lippen, verdrehten seinen Gesang, 
um ihn bei dem Herzog zu verleumden, und endlich 
machte sich auch unter der Leitung eines gewissen 
Stolle eine neue Kunstrichtung geltend , welche den 
alten höfischen Gesang mit seiner kunstvollen Be- 
schränkung zu verdrängen suchte. 



An den Herzog von Kärnten. 



Der Fürst von Kärnten gab mir oftmals Spenden, 
Will er um ein Versehn sich von mir wenden? 

Er glaubt, ich zürne ? Das sei von mir fern ! 
Ihm ist geschehn, wie manchem milden Herrn: 

Er leidet doppelt, wenn ich d' runter leide. 
Er gab Befehl zu einem twuen Kleide, 
Doch zürn' er andern, wenn ich es nicht sah; 
Ich weiss gar wohl, wer gerne redet Ja, 
Der gibt auch gerne, ist es anders da; 
An dem Zwist sind wir schuldlos alle beide. 



Die Hofkläffer. 

Es sind die Hunde, die am Hofe bellen. 
Den Mäusen gleich mit aufgebumi'nen Schellen; 

Wir rufen Schalk, sobald den ^Herrnn^ sie nemien, 
Gleich wie die Maus wir an der Schelle kennen. 

O milder Fürst, der du dich mühst um Ehre, 
Sei mir nicht böse, wenn ich fnich beschweret 
An deinem Hof entstellt man meinen Sang. 
Und wärest du nicht und ihr nied'rer Rang, 
Ich zahlt' es heim mit scharfem Fiedelklang. 
Wer duldet auch, dass man sein Lied verkehre? 



-(^ 104 a>- - 

Meister Stolle. 

Gleich scharfem Schwert soll meine Fiedel klingen; 
Was ich erflehte, will ich nun erzwingen, 

Da man doch Herrengut und Frauengruss 
Durch trotzige Gewalt erobern muss. 

Sobald ich singe, klagen sie es Stollen, 
D'rob ist von Zorn die Ader mir geschwollen. 
Ich könnte auch unhöfischen Ton anschlagen, 
In Oestreich lernt* ich singen doch und sagen. 
Dort will ich mich bei Leopold beklagen, 
Und so er tröstet, will ich nimmer grollen. 

Mit welch stolzem Selbstgefühle beruft sich hier 
Walther darauf, dass er einst am ersten Musenhofe 
seiner Zeit singen und sagen gelernt! 

Unterdessen war Herzog Leopold vom heiligen 
Lande zurückgekehrt und vom Dichter in Aquileja, 
dessen Patriarch ihn glänzend aufgenommen hatte, 
empfangen worden. Mit begeistertem Lobe begrüsste 
Walther 



Leopolds Rückkehr vom Kreuzzug. 

Herzog von Oesterreich, euch ist es so ergangen, 
Dass wir nach euch, dem Helden, schon verlangen, 
Und wenn ihr kommt, ihr werdet hoch empfangend 

Die Glocken läuten und ganz Wien wird schauen. 
Als ob ein Wunder angekommen sei. 
Ihr kommt von Sünde urui von Schande frei, 
Gelobt von Männern und geliebt von Frauen. 

Und solches Lob verdienet fort und fort, 
Dass nie ihr höret jenes harte Wort: 
Es wäre gut, wenn ihr gefallen dort. 



-<o 105 a) 

Unter Glockengeläute und dem Jubelruf des Vol- 
kes zogen endlich Walther und Leopold in Wien ein. 
Noch einmal schienen dem greisen Sänger holde Tage 
zu lächeln. Der Wiener Hof war wieder zu einer bun- 
ten Haide geworden, wo man Blumen und Blüthen 
brach, und es fehlte weder an Kränzlein und Gebäude, 
noch an Frauen zu Tanz und Reihenspiel. Wie behag- 
lich fühlte sich Walther, seit er 

Drei Höfe 

weiss, wonnigliches Leben! 
Die Pfannen sausen, umi es glühn die Reben. 

Der Patriarch, der bied're, ist mir hold, 
Mein zweiter Trost ist Herzog Leopold 

Von giiiner Steier und vojt Oesterreiche. 
IVer lebt auf Erden, den ich ihm vergleiche r 
Von seinen Händen strömt der Gaben Fluth, 
Und wie man Weif, der längst im Sarge ruht, 
Noch immer preist, ist auch sein Ohm so gut, 
Dass ich nicht mehr von Thür zu Thüre streiche. 

Und dennoch, je länger sich Walther am Hofe 
Leopolds befand, desto unbehaglicher wurde es ihm. 
Er war eben ein grauer Mann geworden, der sich in 
die Freuden des jüngeren Nachwuchses nicht mehr zu 
finden verstand. Wie von jeher Greise zu thun pflegen, 
lobte auch er die Vergangenheit und schalt die Ge- 
genwart. Insbesonders richtete er seinen Tadel gegen 
die herrschende Richtung in der Kunst des Gesanges. 
Ungeschlachte Töne hatten auch in Wien den höfischen 
Gesang verdrängt, und die Zahl derer, die das edle 
Singen störten, war ungleich grösser als jener, die es 
gern vernahmen. Walther folgt einem alten Spruche 
und hält sich 



sorgsam von der Mühle fem; 
Wo der Stein sich rauschend schwingt 
Und das Rad wie Donner klingt, 
Wer wird da wohl harfen gern? 

Zürnend muss ich derer lachen, 
Deren Lieder frech erschallen; 

Und wie breit sie sich noch machen 
Und sich selbst so wohl gefallen l 

Seht im Teich die Frösche dort, 
Denen so gefällt ihr Schall, 
Dass verstummt die Nachtigall, 
Sänge sie auch gerne fort. 

Gleich dem Vog'el auf den Zweigen 
Macht' es wiederum erschallen. 

Wenn die Ungunst müsste schweigen 
In den herzoglichen Hallen. 

So von Hof und Burg verbannt, 
Wand're sie ins Dorf hinaus 
In der Bauern dumpfes Haus, 
Wo sie ihre Wiege fand! 

Ja, er beruft sich geradezu 



An Herzog Leopold, 

dass er dem Unfug steuere, sonst müsse auch er an- 
fangen, seinen Sang zu verkehren und unhöfisch zu 
werden. 

In nomine domini! Sprechet Amen! 
{Das hilft vor Unglück und teuflischem Samen), 
Verflucht sei, o höret den zürnenden Klang, 
Wer Freude uns störet und höfischen Sang! 



^p 107 J>- — 

Ich habe bisher immer höfisch gesungen, 
Doch hat mich unhöfische Weise bezwungen. 
Die ist nun bei Hofe getiehmer als ich; 
Was ehren mich sollte, verunehret mich, 
O Herzog von Oesien-eich, Leopold, sprich, 
Sonst singe auch ich wie unhöfische Zungen ! 

Aber auch sonst hat die Erde für den Sänger ihren 
Glanz verloren. Er sieht nur noch Gift in den Blumen 
und sehnt sich aus undankbarer Welt nach den Freuden 
des Himmels, sich rüstend für 



Die letzte Fahrt. 

Den Lohn der Welt hab' ich ersehn. 
Was sie mir gab , das nimmt sie mir; 
Wir scheiden alle f tackt von ihr: 
O Schande, soll's auch mir gescheht! 

Ich setzte tausendmal für dich 
Wohl Leib und Seele ein. O Gott, 
Jetzt, da ich alt bin, treibst du Spott, 
Und zürn' ich, so verlachst du mich. 

Nur zu in deinem Uebermuth! 
Einst wird der Tag des Jammers kommen 
Und nimmt dir, was du uns genommen. 
Wenn dich versengt der Hölle Gluthl 

D'rum rüste, Seele, dich zur Fahrt! 
Ich habe manchem oft und viel 
Das Herz erfreut durch Saitenspiel, 
Hätt' ich nur selber mich bexvahrtl 



<o io8 i> — - 

IVann Erdetiliehe ich erhob, 
Kam Seele in des Zornes Brand: 
Nur wahre Minne hat Bestand, 
Ein Wahnsinn, sprach sie, ist dein Lob, 

Lass Erdenliebe, sie zerbricht, 
Und halte Gottesminne werth! 
O glaube mir, die du begehrt, 
Sie ist die echte Liebe nicht! 



Bei solchen Klängen dürfen wir uns nicht wundem, 
wenn der Wiener Hof des Dichters überdrüssig wurde 
und die Schwächen seines Alters verspottete. Walther 
verstand eben die Welt und die Welt ihn nicht mehr. 
Als endlich auch Leopold der ewigen Klagen müde 
war und den Freund, wenn auch nur scherzend, in 
den Wald wünschte, gab dieser, unbesonnen genug. 



Die Verwünschung 

in gereizter Stimmung an den Herzog zurück. 

O tvünsche mich ins Feld und zu den Leuten, 
Nicht in den Wald, ich kann ja doch nicht reuten l 

Sie sehen mich, ich seh' sie gerne an. 
Du ivünschest Böses einem Biedermann. 

Bannst du mich fort, so thust du mir zuleide; 
Gesegnet sei der Wald und auch die Haidel 
Sie sind für dich. Was doch dein Unmuth sprach. 
Ich ivünsche dir der Tannen dunkles Dach, 
Weidmanns Gemach, doch du mir Ungemach, 
Dir Wald, mir Feld! So freuen wir uns beide. 



Bald nach diesem Spruche nahm Walther die Fiedel 
auf den Rücken und sagte Wien das letzte Lebewohl. 
Zwar trat die Donaustadt in ihrem sinnlich reizendsten 
Gewände noch einmal an den Sänger heran und suchte 
ihn mit süssen Worten an sich zu locken; jedoch um- 
sonst. 



W^alther und Vindobona. 

Vindobona. 

Wie, du zürnest? Gib, o Walther, 

Deine Fiedel nur von dir! 
Warum musst du, gleich dem Falter, 

Ewig wandern? Bleibe hier! 
Sieh, du zitterst und musst weinen. 

Und bist sonst doch nicht so weich 
Wie so hart mag dir's erscheinen, 

Dass du gehst aus Oesterreich I 

Walther. 

Scheiden muss ich mit verweinten 

Augen über dich, o Welt. 
Glücklich, wer aus tausend Freunden 

Einen noch am Busen hält I 
Warum klagt man, dass die Alten 

Wandern in die Gruft hinab? 
Hoffnungsreiche Kinder falten 

Ihre Hände an dem Grab. 

Doch dass Ehre, Zucht und Treue 
Aus der Welt geflohen sind. 

Klagt man nicht, obschon die dreie 
Scheiden erblos, ohne Kind. 



Ueber Thal und über Hügel 

Zu des Himmels ewiger Pracht 

Heben sich der Seele Flügel 
Aus der Erde dunkler Nacht. 



Vindobona. 

Glätte deiner Stime Falten, 

Blicke nicht so lebensmatt! 
Habe ich nicht stets gehalten, 

Was dein Herz von mir erbat? 
Sieh die Stadt zu deinen Füssen, 

Wie es singt und klingt und klirrt! 
Kehre um, du sollst gemessen. 

Bis die Stunde dich entführt! 



Walther. 

Fort! Ich hab' zu lang gesogen, 

Welt, an deinem süssen Gift, 
Und du hast mich nur betrogen. 

Eine Zaubermärchenschrift 
Las ich einst in deinen Augen, 

Die mir lächelten so lieb; 
Lust und Liebe wollt' ich saugen, 

Der ich arm an Liebe blieb. 



Vindobona. 

Eins nur, Walther, lass dich flehen, 

Da ich dich nicht halten mag: 
In den einsam bittern Wehen 

Denke an so manchen Tag, 
Den du hier im Paradiese 

Oesterreichs genossen hast, 
Da du auf der Blumenwiese 

Mit der Tänzerin gerast I 



— <c III q; — 

Walther. 

Schmeichlerin, ich kehre nimmer, 

O, ich kenne deine Art, 
Falsch und flitternd ist dein Schimmer; 

Nach der Herberg geht die Fahrt. 
Wo ich hin seh', aller Orten 

Ist's so bitter und so bang: 
Ich bin alt und lass geworden. 

Auf, es ist mein letzter Gangl 



M'iim^M^^^^fM^^^^ 



Walthers Heimgang. 

Wie heissen wir nach grollendem Ungewitter den 
Bogen willkommen, der siebenfarbig vom Himmel zur 
Erde springt I Es ist der Bogen des Friedens, und der- 
selbe Gott, der den Donnerkeil geschwungen und die 
hundertjährige Eiche gespalten hat , wallt jetzt auf 
bebender Brücke und streut Versöhnung über Himmel 
und Erde. Auch ich führe Sie aus dem Sturme des 
Lebens zu Versöhnung und Frieden. Im stillen Gemach 
seines Würzburger Heimes, durch dessen Fenster die 
sinkende Sonne blutige Rosen streut, kniet Walther 
vor dem göttlichen Bilde. Ganz ein Kind seiner Zeit, 
ist aijch er von frommer Begeisterung zur Mutter des 
Herrn beseelt; andachtsvoll vertieft er sich in das hohe 
Geheimnis der jungfräulichen Geburt und wird nicht 
müde, die waltende Gebieterin auf hohem Throne Salo- 
mons als Balsamite, die würzduftende, und Margarite, 
die Perle, zu verherrlichen. Christus ist ihm das Wort, 
das zu Fleisch geworden, um die sündige Menschheit 
zu erlösen, von Ewigkeit her ist er eins mit Gott dem 
Vater und dem heiligen Geist. 

Zu dir ich hebe meine Hände, 

O heilif^e Dreifaltigkeit, 
Die ohm' Anfang du ujid Ende, 

Stets eins bist in der Wesefiheit. 



^ 113 Q> 

O sende mir das Licht der Gnade, 
Ich habe dich so schwer gekränkt, 

Da 7}on der Tugend rauJiem Pfade 
Der Fürst der Hölle mich gelenkt. 



Mit deinem Flammenschwert vernichte 

Den bösen Feind, der uns bethört 
Und trotz dem göttlichen Gerichte 

Die Sinne wider dich empört. 
Er wird besiegt vor dir sich winden, 

Da seine Macht wie Spreu zerstob, 
Doch jubelfid wird die Erde künden 

Die Kraft des Herrn, die uns erhob. 



Halleluja, Halleluja! 

Denn die Hölle steht verzagt, 

Die in Sünde uns gejagt. 

Dir auch, reine Himmelsmagd, 

Halleluja sei gesagt! 

Durch dein Kind im Stalle nackt 

Hat die Erde neu getagt. 



Magd und Mutter du, schaue 
Deiner Christen bange Noth, 

Gleich dem grünen Stabe Aarons, 
Jungerglühend Morgenroth ! 

Du des Tempels Pforte, welche 
Keinem sich erschlossen hat 

Und durch die des Himmels hehrer 
König aus und ein nur trat; 

Wie durch ganze Fensterscheibe^t 
Sonne wirft den gold'nen Schein, 

Hast du Christum einst geboren 
Und bliebst Jungfrau keusch und rein. 



<0 114 Q> 

In hellem Brand 
Der Busch einst stand, 
Und er grünte lustig fort; 

Funken sprühn, 

Doch es gliihn 
Seine Blätter unverdorrt. 

So die reine 

Magd alleine 
Dich empßeng, das Gotteswort, 
Da sie ohne Manneslist, 
Was kein Sterblicher ermisst, 
Deine Mutter, jfesu Christ, 
Göttlich rein geworden ist. 



Hallelujay Halleluja! 

Denn verschwunden ist die Nacht, 

Seit zu Bethlehem im Stall 

Jesus ob der Menschen Fall 

In Mariens Schoss geruht 

Und am Kreuz mit seinem Blut 

Von uns wusch der Sünden Fhith, 

Welche Evas Schuld gebracht. 



Sohn und Vater, ach, sendet 
Uns herab den heiligen Geist, 

Der ans dürre Herz sich wendet 
Und mit süssem Trank es speist; 

Denn es siechen aller Orten, 

Wie an Werken so an Worten, 
Die zu Christus sich bekennen 
Und vor heisser Sehnsucht hrejinen 

Nach der Lehre echt und rein, 

Wie von Rom sie einst geflossen; 

Schenkte man sie also ein, 

Würde' Gottes Huld uns sprossen. 



<D 115 <^ — 

O Maria, sonnenreine, 

Lichte Rose ohne Dom, 

Stille deines Sohnes Zorn, 
Dass er gnädig uns erscheinet 
Engel dir zum Preise singen 
Und durch alle Welten klingen 
Lieder dir und deinem Sohn; 
Bitte du vor Gottes Thron 

Für uns Arme, schuldbeladen, 

Dass er durch den Quell der Gnaden 
Uns gewähre ewigen Lohnt 



»Wie beim Sinken der Sonne die Thäler sich in 
Schatten hüllen und bald nur noch die höchsten Gipfel 
beleuchtet stehen«, so entschwand auch dem Dichter 
alles Irdische. Er hat von der Welt Abschied genom- 
men und auf all ihr Flehen, sie nicht zu verlassen, 
weiss er nur eine Antwort : Ich will zur Herberge fahren. 
Und was ist zunächst diese Herberge, die ihn für die 
Freuden der Welt entschädigen soll ? Es ist das heilige 
Land, die durch den Gottmenschen verklärte Erde, von 
welchem die Schwelle zum Himmel fuhrt, denn der 
Tod unter dem Banner Christi wird zur Auferstehung 
im Jenseits. Da tönte in sein einsames Stilleben die 
Kunde, dass Friedrich 11. kreuzfahre. 

Ueber hundert Jahre waren dahingegangen, seit 
der hagere Mönch von Amiens durch die Länder des 
Abends ritt und mit beredter Zunge von den Leiden 
und Mtihsalen sprach, welche das heilige Grab und 
dessen Pilger zu erdulden hatten. Wie Feuerfunken im 
Wehen des Sturmwinds zur furchtbaren Flamme wach- 
sen, so schwoll auch die Begeisterung für das heilige 
Land in den Herzen der Abendländer zu jenem religiö- 
sen Wahnsinne an, der die Züge nach deift heiligen 

* * . 8* 



<0 Il6 Q> 

Lande hervorrief, die Wir mit dem Namen »Kreuz- 
züge« bezeichnen. Spät aber um so tiefer ergriff die 
Begeisterung den Deutschen, und nun trieb es den 
Ritter von den Höhen der Felsburg, den Bürger von 
dämmernder Werkstatt, den Bauer von einsamer Dorf- 
flur, und in unabsehbaren Schwärmen gieng es die 
Donau abwärts, in deren Wellenrauschen das Lied 
der Fahrenden scholl, wie man die himmlische Krone 
erringe oder wie Siegfried den schuppigen Drachen 
schlug und gleissenden Hort gewann. 

Die leidenschaftliche Gluth hatte sich indessen 
abgekühlt. Dem feenhaften Orient war der räthsel- 
hafte Schleier genommen, imd all die Träume von 
kunstreichen Schätzen, welche die Zwerge im Innern 
der Erde schmieden, zerstoben vor den furchtbaren 
Gestalten, in welchen der Tod an die Fahrenden 
herantrat. Und dazu blitzte noch immer der Halb- 
mond vom Berge Golgatha; für Christus wurde ge- 
stritten und Allah hatte gesiegt. Was frommte es, 
wenn Walther den himmlischen Heerschaaren das Lob 
versagt, weil sie bisher so lau gewesen und den Hei- 
den zu schaden unterlassen haben ! So verliess er denn 
noch einmal sein Würzburger Heim, um vom Kaiser 
dazu aufgefordert das Kreuz zu predigen. Abermals 
zog durch die christlichen Länder die trübe Ahnung 
vom nahenden Weltuntergange. Im Hinblick auf den 
gewaltigen Orkan, der im Dezember 1227 Deutsch- 
land verheert hatte, verkündete Walther einen grossen 
Sturm als einen der vi^en Vorboten des jüngsten Tages, 
um die Blicke nach oben zu lenken und das deutsche 
Volk zur Kreuzfahrt anzuspornen. 



— ^ 117 ^ — 
Der grosse Sturm. 

Ruft dreimal wek, es kommt ein Sturmesbrausen, 
Von weichem ihr schon singen hört und sagen, 

Der wird mit Grimm durch alle Länder sausen, 
Dass laut ertihit der frommen Pilger Klagen. 

Baum wird an Baum und Thurm an Thurm zer- 
schlagen, 
Dem Stärksten schleudert er das Haupt herab; 
O lasst uns ßiehen nach dem heiligest Grab ! 

Ruft dreimal weh, wie in dem deutschen iMnde 
Verstand und Ehre, Gold und Silber schwimienl 

Wer diese hat und bleibt zurück ?nit Schande, 
Dem wird der Lohn des Himmels sich entwinden. 

Er wird nicht Huld bei EVau'n und Engeln 

fifuien : 
Ein armer Mensch auf Erden und vor Gott, 
Muss er sich fürchten vor der beiden Spott. 

Ruft dreimal weh, uns Faulen ist entrissen 
Die Lust der Erde und des Himmels L.ust ; 

Wir haben keitter Arbeit u?is beflissen, 
Da nur der Lenz zu locken uns gewusst. 

Mit flüchtigen Blumen schmückten wir die Brust 
Und hörten^ auf der Vöglein kurzen Sang, 
Wohl dem, der nur nach ewigen Ereuden rang! 

Ruft dreimal wek, die wir mit Grillen sangen, 
Statt dass wir dachtest an die Winterzeit 

Und mit Ameise tun die Wette rangen. 
Die nun geniesst der Sommeremsigkeit. 

Es ist der alte, ewige Erdenstreit: 
Der Thor verachtet stets der Weisen Rath^ 
Dort ivird man sehn, wer hier gelogen hat 



Wohl spricht aus den nun folgenden Kreuzliedern 
nicht mehr jene unmittelbare Wärme, wie sie in den 
Gedichten schmerzlicher Weltentsagung herrscht, doch 
sind sie immerhin in einem Tone gehalten, der mäch- 
tig genug war, um an die Herzen reuiger Christen 
zu schlagen. 



singt er, 



Das Land, 

das reifte, 

Ist hilflos und alleine, 
yerusalem, o weine, 
Dass du vergessen bist. 
Wie sich die frechen Heiden 
An deiner Knechtschaft weiden. 
O lass dich solcher Leiden 
Erbarmen, J^esu Christ! 

Ihr Christen auf, von danncn, 
Ixisst uns mit Kreuz und Fahnen 
Den IVeg zum Himmel bahtun 
Durch das gelobte Land! 
Gott will mit Heldeshämien 
Den Tag des Jammers enden 
Und ewige IVomien spemien 
Für Kreuz und Schildesrand. 



Ja, die Schwingen der Phantasie trugen den Dichter 
sogar über Land und Meer, und er betrat im Geiste 
den hehren Boden, wo Christus geboren wurde, sah 
den Jordan, wo er die Taufe empfieng, und den Berg 
Golgatha, auf dem er am Kreuze starb. Als ob er 
selbst im heiligen Lande gewesen wäre, singt er ein 
Lied : 



<P I I 9 Q> 

Im gelobten Lande, 

bestimmt, von jenen gesungen zu werden, die als 
Wallfahrer die heilige Stätte betraten: 



A^un erst leb' ich recht im IVerthe, 
Seit mein Sünderauge sieht 

yene gottgeweihte Erde, 
Die in höchster Ehre blüht. 
Alein ist, was ich stets erbat, 
Da den Boden ich betrat, 
Wo einst Gott gewandelt hat. 

Was ich auch an schönen Reichen 
Auf der Wanderfahrt gesehn, 

Keines kann sich dir vergleichen, 
Wo der Wunder viel geschehn. 
Hehr vor aller Engel Schaar, 
Eine Magd ein Kind gebar, 
Ob das nicht ein Wunder war? 

Hier Hess sich der Reine taufen, 
Dass der Mensch gereinigt sei; 

Liess für uns sich hier verkaufen, 
Dass wir Knechte würden frei. 
Und aus Speer und Kreuz und Dorn 
Floss uns zu der Gnade Born, 
D'rob erglüht der Heiden Zorn. 



Aus der Pforte des Grabes stieg Christus in den 
Schlund der Hölle, warf den bösen Feind nieder, hob 
sich wieder empor und durchbrach zum Entsetzen der 
Juden die Hut der Wächter. Vierzig Tage weilte er 
noch im Kreise der Jünger, dann fuhr er zum Reich 



ip I20 a> 

des Vaters auf, von wannen er wieder kommen wird, 
zu richten die Lebendigen und die Todten. Darum, 
auf für Christus und Jerusalem! 

Christen, yuden, Heiden sprechen. 
Da SS dies Land ihr Erbe sei; 

Diesen Streit wird Gott zerbrechen, 
Er bei seinen Namen drei. 
Alle Welt begehrt das Land, 
Gott hat uns es zuerkannt 
Uns auch sei es zugewandt! 

Wie gern wäre auch Walther über die See gezogen ! 
Ihn fesselte nichts mehr an diese Erde, aus der alle 
Freude geflohen war; aber der wanderlustige Mann 
war zu alt geworden, um durch Speerwurf die Krone 
des Himmels zu verdienen. 

In der Elegie »Einst und Jetzt«, der schönsten 
und tiefstempfundenen Dichtung Walthers, nimmt der 
Dichter von der Welt Abschied, auf der er »nie auch 
nur einen halben Tag ganzer Freude genossen hatte«. 
Wie ein verblasster Traum liegt die Zeit der Jugend 
hinter ihm. Noch einmal lässt er vor seinem Geist 
die geliebte Heimatstätte vorüberziehen, über welche 
die Zeit mit so ändernder Hand hinweggegangen war. 
Und wie über die Heimat, klagt er auch über das 
verwandelte Vaterland, von dem alle Zucht und Sitte 
gewichen und dessen Haupt, sein geliebter Kaiser, un- 
ter dem Fluche des Bannes litt. Glücklich derjenige, 
der sich aus dieser Welt des Jammers nach dem hei- 
ligen Lande retten kann, um für Christus zu sterben. 
Die Seele des Dichters aber schwebt bereits aufwärts 
nach den lichten Regionen des Himmels, um dort 
oben zu finden, was ihm die Erde versagt hatte: 
Ruhe und Frieden. 



Einst und Jetzt. 

O weh, wohin entschiviinden ist mir so manches 
Jahr? 

War nur ein Traum mein Leben oder ist es wahr. 

Was ich auf Erden schaute mit meiner Augen Licht? 

Geiüiss, ich hab' geschlafen und ich weiss es nicht. 
Und n0in bin ich erwachet und ist mir unbekannt, 

Was ich vor Zeiten kannte wie meine andre Hand. 

Wo ich als Kind gewandelt auf meiner Heimat Höh'n, 

Sieht man mich an, als hätten sie niemals mich gesehn. 
Die mir Gespielen waren, zuie trag sind sie und 
alt! 

Wo einst im heiligen Dunkel gerauscht der Tannen- 
wald, 

Da seh' ich stolze P/lüge die tiefen Furchen ziehn, 

Nur du, geliebtes Wasser, strömst tioch wie sonst dahin. 

Ja selbst der Freund, von dem ich einst schied fnit 

warmem Kuss, 

Geht jetzt an mir vorüber und schenkt mir keinen 

Gruss. 

D 'rum iveh mir, wenn ich denke an manchen schönen 

Der mir dahin zerronnen, wie in das Aleer ein Schlag, 
Für immer, weh, o weh! 



O tüeh, wie traurig blicken die yHnglinge vor sich, 
Sie, denen nie' vor Kummer die Wange sonst erblich ! 
Auf ihren Schultern lasten nun Sorgeti bang und schwer, 
Wohin der Blick sich wendet, ist alles freudenleer. 

Kein Tanz auf grüner Haide, kein Lachen, kein 
Gesang, 
Alan sah noch nie die Christen so jammervoll umi 



Wie auf dem Haupt der Frauen das Stirngebände 

ruht. 
Und %me sich bäurisch kleiden die Ritter hochgemuth ! 



O Deutschland, armes Deutschland, wohl hast du 
Grund zu klagen, 

Rom hat dich nie gesegnet, du hast jüngst Bann er- 
tragen. 

Das thut mir weh, o glaubt mir, einst war's so wonne- 
voll, 

Dass ich, anstatt zu lachen, nun weinen, weinen soll. 

Die Vöglein seihst im Walde betrübet unser Klagen, 

IVas Wunder, muss ich Aermster darüber ganz ver- 
zagen P 

Was sprichst du? Nein, es war Ja der Zortt nur, der 

so sprach, 

Wer Erdenwonne folget, verliert den Himmel, ach 

Für immer, iveh, o weht 

O weh, wie lieblich duften die Blumen dieser Welt! 

Und doch ist all ihr Honig vergiftet und vergällt. 

Es ist die Welt von aussen so weiss, so grün, so roth, 

Doch sieht man sie von innen, ist schtvarz sie %vie 

der Tod, 
Wer nun durch sie verleitet, der komm ', ich weiss 
ihm Rath; 

Der BÜSS er findet Gnade für schwerste Missethat. 

Auf, Ritter, auf, und haftet euch an des Kreuzes Bild! 

Wozu tragt ihr die Hebue, wozu den festen Schild, 
Wozu die lichten Ringe und das ge%veihte Schwert? 

O Gott, dass ich auch wäre für dich zu streiten werth ! 

Ich armer Mann, ich könnte verdienen reichen Sold. 

Nicht Ackerland, nicht Burgen und nicht der Herren 

Gold — 

Die Himmelskrone selber möcht' auf dem Haupt ich 

tragen, 

Die der geringste Söldner durch Speerwurf kann er- 
jagen. 

O dass ich ziehen könnte mit euch wohl über die See, 

Wieioürd' ich singen und jubeln: Heil mir! und nicht: 

O weh, 

O nimmer: Weh, o weh! 



<p 123 Q> 

Es war ein Maiabend des Jahres 1230. An Wal- 
thers Fenster schlugen die grünen Zweige, draussen 
sangen die Lerchen. 



»Abend wird's, die Sonne schwindet; 

Lasset in ihr Angesicht 
Grüssend mich noch einmal schauen, 

Eh' das Auge sterbend bricht! 



Führet mich hinaus zur Linde, 
Die so lustig grünt und blüht! 

Nur noch einmal möcht' ich hören, 
Nachtigall, dein süsses Lied!« 



Walther sprach es, und zur Linde 
Ward der Sängergreis gebracht. 

Sinnend sass er, bis die Sonne 
Ihn zum letzten angelacht. 



Auf den Bergen ward es dunkel, 

Dämm'rung sank schon fern und nah, 

Und noch immer sass der Sänger 
Wie in sich verloren da. 



Blumen schliefen, selbst die Quelle 
Zwang sich zu gelindem Lauf; 

Auf der blauen Bahn des Himmels 
Zogen Stern an Stern herauf. 

Plötzlich wie aus andern Welten 
Ein geheimnisvoller Klang, 

Rauschte aus der Linde Wölbung 
Einer Nachtigall Gesang. 



^ 124 CJ> 

Zitternd wandelten des Liedes 
Wellen durch die Maiennacht; 

Walther lauschte und sein Auge 
Glomm in überirdischer Pracht. 



Was er sang, gewann Gestaltung, 
Und es drängten sich sogleich 

Air die Kinder seiner Muse 

An ihn, Lied und Spruch und Leich. 



Kosend schmiegte eins vor allen 
Sich an Sängers bleichen Mund: 

Kennst mich, Vater? Ach, du sangst mich, 
Als dein Herz von Liebe wund. 



Mit der Nachtigall wetteifernd 
Tönte deine Melodei, 

Und du herztest und du küsstest 
Und du riefst: Tandaradeil 



Doch das Kind der heit'ren Muse 
Drängte weg der ernste Spruch: 

Ich bin's, Meister; an die Felsen 
Romas schlug dein harter Fluch; 



Und der Fels begann zu wanken, 
Doch der Himmel blieb dir gut; 

Was du sprachst, es kam aus tiefster, 
Aus des Glaubens reinster Gluth. 



Nimmer frommt's, dass ihr an Minne 
Und an Fluch den Meister mahnt, 

Rief das herrlichste der Kinder: 
Segne mich, das Vaterland! 



<o 125 (V 

Dem zu Ehren du gesangen, 

Wie vor dir kein Sängerthum; 

Wann es wächst und grünt und blühet, 
Blüht es einzig dir zum Ruhm. 

Von den Genien der Muse 
So umwispelt und umweht, 

Hob der Dichter, seine Hände 
Zu dem innigsten Gebet: 

»Sei gesegnet, deutsche Erde, 

Schirme dich der deutsche Gott, 

Dass dir Sieg und Einheit werde 
Und der Freiheit Morgenroth!« 

Betend also sank der Müde 

An der Linde Stamm zurück. 

In die laue Maienmondnacht 

Floh zum letztenmal sein Blick. 

Und wie leise jetzt verklungen 
War der Nachtigall Gesang, 

Auch der Geist des edlen Sängers 
Sich empor zum Himmel schwang. 



Im stillen Grashof des neuen Münsters hat Wal- 
ther den Frieden gefunden, der ihm auf Erden ver- 
sagt war. Dort 



^Im Lorenzgarten zu Würzburg 
Grünt alt und müd ein Baum, 

Seine Zweige suchen die Erde, 
Bewegen im Winde sich kaum. 



<o 126 4> 

Doch manchmal küssen sie leise 
Einen bemoosten Stein, 

Dem grub zu andern Zeichen 
Die Zeit ihr Zeichen ein. 



Jahrhunderte lang schon hält er 
Unter dem Baume Ruh', 

Deckt treulich die Gebeine 
Eines edlen Dichters zu. 



Aus dessen Brust befreite 
Sich einst ein Liederstrom 

Voll inniger Liebe zu Deutschland 
Voll kühnen Zornes auf Rom. 

Er sang zu Gottes Ehre, 

War fromm und wahr und 7-ein 
Und wob den deutschen Frauen 

Ums Haupt einen Heiligenschein. 

Es blühten die Blumen schöner, 
JVemi er den Frühling sang, 

Die Vöglein Z7vitscherten leiser, 
Kam er den Wald entlang. 



Auch sind ihm treu geblieben 

Die Vögel immerdar, 
Sie konnten' s nicht vergessen. 

Wie srut er ihnen war « 



Die Sage kündet nämlich, Walther habe testirt, 
dass man auf seinem Grabstefn den befiederten Sän- 
gern Wasser und Weizen reiche. 



<o 127 o> 

» Ufid gehorsam dem Gebote, das er noch in\, Ster- 
ben gab, * : 
Fütterten die Mönch' all' Vögel mittags auf des Sän- 
gers Grab. 
Und der kleifien Minnesänger flogen immer mehr 
.^ . und ?nehr 
Selbst im Regen,^ selbst im Sturme auf das GraÜ des 
Sängers her. 
Auf der riesigen Lind' am Kreuzgan^, auf des 
Stifters Wappenschild, 
Ob dem Eingang, auf den Gräbern, auf des Sängers 
steinern Bild, 
Auf dem Kreuzstock jedes Fensters, auf der Thürme 
Schloss und Band 
Stritten sie den Streit der Wartburg, den der Sänger 

einst bestand, 
Sangen sie in lustigen Weisen Lieder voller Lob und 

Freud', 
Und aus ihren Kehlen schallte hell der Name: Vogel- 
weid' H 

Dies währte, fahrt die Sage fort, so lange, 

bis einst sprach ein Aebtlein feist: 
Aufwand! Mit dem Mehl des Brotes Fastende, nicht 
Vögel speist U 

Und so geschah es, dass der für die Vögel be- 
stimmte Weizen in Semmeln verwandelt und an Wal- 
thers Jahrestage den Chorherrn des Münsters gegeben 
wurde. Man mag diese Sage als »sentimentale Schma- 
rotzerpflanze« auch noch so angreifen und das Plumpe 
und Unwahrscheinliche derselben nachzuweisen suchen, 
sie bleibt immerhin lieblich und zart und gibt dem 
milden und liebevollen Sinne" Walthers ein würdiges 
Zeugnis. 



Das Grab ist längst versunken und vergessen ; aber 
ein gütiger Stern hat uns eine treffliche Inschrift be- 
wahrt, die an unserem Dichter drei wesentliche Eigen- 
schaften hervorhebt, dass er als Lyriker die Blüthe 
des Ausdrucks, als Spruchdichter der Mund der Pallas 
und als Mensch die RechtschaflFenheit selbst gewesen 
sei. Sie lautet: 

Pascua, qui volucrum vivus, Walthere, fuisti, 
Qui flos eloquii, qui Palladis os, obiistil 
Ergo quod aureolam probitas iua possit habere, 
Qui legit, hie dicat: Deus istius misererei 

Der du bei Leben, o Walther, gewesen der Vögelein 
Labe, 

Blume des Worts und Mund der Pallas, du schläfst 
nun im Grabe. 

Dass du die Krone des Himmels erlangest, der Red- 
lichsten Einer, 

Sage, wer immer dies liest: Der Herr erbarme sich 
seiner] 



Wir aber wollen von dem Grabe des Dichters 
mit dem Wunsche Hugos von Trimberg scheiden: 

Herr Walther von der Vogelweide, 
Wer sein vergäss', der thät' mir leide. 



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